Über Küchenschaben am anderen Ende der Badewanne, Langeweile und politische Ästhetik

Von Mathias Greffrath

Man arbeitet neun Stunden, man macht mit einer Maschine Löcher in Stücke. Man legt das Stück ein, man senkt den Hebel, man nimmt das Stück heraus, man schiebt den Hebel wieder nach oben. Überall liegt Papier. Die Zeit ist draußen, in den Dingen."

Leslie Kaplan, eine Französin, protokolliert in einem eindringlich grauen Text, der seinen Blick nicht von den Einzelheiten läßt, wie es ist, wenn man einwilligt in die Gruft zu Lebzeiten. Nach draußen sehen, den Exzessen des Immergleichen entkommen – das Schreibheft (Rigodon Verlag, Essen, 246 S.; 10 DM) versucht sich darin, schon zum 27. Mal. In gelegentlich etwas anstrengenden, zwischenraumlosen 90-Typen-Zeilen stellt Norbert Wehr Neues und Vergessenes vor, blickt vor allem immer wieder über die Grenzen, ein Scout, der uns zeigt, wie anderswo gedacht und gedichtet wird. In diesem Heft: sieben neue Texte aus Frankreich, dazu Kritiken und Gespräche; Gedichte von Ezra Pound, dazu ein Gespräch mit Allen Ginsberg über Pound; eine kleine Anthologie englischer Lyrik; der frühe Schrecken von Hans Henny Jahnn über die Atombombe und die kommenden Bürokratien – und, und, und ...

Der Reichtum ist erstaunlich, hier geschieht was nicht genug gerühmt werden kann: Literatur, die kein deutscher Verlag übersetzen läßt, Entprovinzialisierung, Entgrenzung des Horizonts, aber so, daß man nicht beim literarischen Jet-set landet, sondern Lust auf mehr bekommt: mehr von Paul Bowles etwa, der "Freiheit, Abenteuer und Geheimnis" suchte und in Tanger fand, mehr von der mediterranen Welt- und Naturliebe des Robert Graves, und mehr von Louis Paul Boong der, ganz anders als Bowles, seßhaft ist und doch auch ein Grenzgänger zwischen Reporter und Dichter – ein nüchterner, für Kirche und KP zu freigeistiger Flame. Viele Romane hat er geschrieben, die niemand hier kennt, und 1979 hätte er wohl den Nobelpreis bekommen, wenn er nicht vorher gestorben wäre: ein Chronist der Vorstädte, ein unheroischer Realist, der uns daran erinnert, daß eine Haut, ein Fleisch, eine Niere mitunter wichtiger und schwerer sein können als die Landung der Alliierten in der Normandie, als der Riesenkampf zwischen den Kontinenten; daran auch, daß es nicht nur Tschernobyl oder Brokdorf sind, die sich wie Mehltau über jede harmlose Freude legen, sondern der Tod zu Lebzeiten, von uns selbst veranstaltet: "Sie stirbt nicht gern, aber sie kann es nicht haben, daß man gern lebt, das ist ein großer Unterschied. (...) Sie sagt alles, den ganzen Tag lang, doch klüger wird man nicht davon."

Weiter: Literatur, die nach draußen sieht, ob auf Bäume, wie Michael Hamburger, auf die Geschichte, wie Geoffrey Hill, oder auf die Nachbarn, wie Gilbert Sorrentino in seinen Miniaturen aus dem elenden Brooklyn ("Pat beugte sich über die Badewanne und beobachtete eine Küchenschabe, die am anderen Ende hochkletterte. Hopp, hopp. Ein Riesenvieh. Er hielt sich nicht für übermäßig betrunken. Ich bin gar nicht betrunken, sagte er. Und außerdem ist Weihnachten..."). Ein dickes schwarzes Heft, das Lust macht – auf Lesen, auf Reisen, auf Wirklichkeit.

Die Wirklichkeit – daß es so etwas, gibt, darauf müssen wir wohl bestehen, trotz der Franzosen, die "überall Simuliertes entdecken, wo alle Welt bisher Reales wahrzunehmen glaubte". Lothar Baier versucht, "dem Allerneuesten und Jean Baudrillard auf der Spur zu bleiben", im Merkur (Heft 9/10, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart; 190 S., 15 DM) Natürlich ist etwas dran an dessen Simulationstheorie: die Schichten der produzierten Wirklichkeiten, der Fernsehinterviews, der Meinungsumfragen und so weiter nehmen zu und verdecken die Zentren und Strukturen, in denen Welt verwaltet und zugerichtet wird. "Eines Tages wird man ausrufen: Das ist doch bloß Information!, so wie man heute sagt: Das ist doch alles bloß Kino." Aber, so lautet Baiers Einwand, zu rufen: Wir leben voll und ganz in der Simulation, und dann mit der Durchblickmaschine auf Reisen zu gehen, das ist nur bequem – die Soziologie kann nun "ruhig vor dem Fernseher sitzen bleiben, da sich die Hauptsache am Bildschirm abspielt und nicht mehr irgendwo draußen". Aber schließlich wird auch diese Theorie ereilt: die Medienwelt selbst läßt die Simulationsbehauptung im Wirbel des Unwirklichen verschwinden: das Allerneuste in Paris ist der strenge Humanismus (darüber unten mehr).