Aleksej Kručënych/Peter Stobbe: "Als Hund Wir". Im Jahre 1913 feierte in Petersburg die futuristische Oper "Sieg über die Sonne" Premiere – ein Gesamtkunstwerk von Kasimir Malewitsch (Kostüme und Bühne), Michail Matjuschin (Musik), Alexej Krutschonych und Velimir Chlebnikow (Texte), das folgende künstlerische Ziele verfolgte: "1. Die Gleichwertigkeit in der Dramaturgie von Bild, Sprache, Ton, 2. Das Aufreißen der sprachlichen Strukturen als Spiegel der aufgebrochenen Sozial- und Staatsstrukturen, 3. Die Überwindung des Handlungscharakters der Sprache." So nachzulesen in Amei Kolls Einführung zu einer von Peter Stobbe betreuten, vorzüglich gestalteten Edition, die Texte von Alexej Krutschonych (1886-1968), dem Haupttheoretiker des russischen Futurismus und Erfinder der "transmentalen Sprache", vereinigt: den "Sieg über die Sonne" (in der Neubearbeitung von Chaim Levano, 1984), sowie in deutscher Erstübertragung "Die Phonetik des Theaters" aus dem Jahre 1923, collageartig ergänzt durch Kommentare von Zeitgenossen und Randnotizen oder Bild-Marginalien Peter Stobbes, der sich, ausgehend von Krutschonych, "Gedanken zu einem authentischen Theater" macht. Krutschonychs provokative Anti-Ästhetik läßt sich, mit Igor Terentjew, auf die Formel bringen: "Der Unsinn ist der einzige Hebel der Schönheit, der Feuerhaken des Schöpfertums." Stobbe stellt sich in diese Tradition der spielerischen Provokation, wenn er für ein "Theater der Abwesenheit" plädiert, "das keine Welt mehr vortäuscht. Das keine Körper mehr vortäuscht, die sich in Täuschung verausgabt haben. Sinn findet Schein, Schein bindet Sinn." Kassette, 4 Bände in roter Fadenheftung; Verlag Eckhard Becksmann, Freiburg, in Verlagsgemeinschaft mit Publica Verlagsgesellschaft, Berlin 1985 (Entwürfe I); 82 S., 88,– DM; Vorzugsausgabe 200,– DM.) Ilma Rakusa