Das Revier wandert nach Norden – und mit ihm die Probleme für die Natur

Von Jürgen Zurheide

Gerhard Hansel beschäftigt sich neuerdings mit Graugänsen. Besonders interessiert ihn dabei deren Flugverhalten, denn sie verbringen nur den Winter in der Bundesrepublik, den Sommer über leben sie in der russischen Tundra, weil sie dort ungestört brüten können. Nun ist Gerhard Hansel weder Biologe noch ausgesprochener Naturfreund, er ist "Chefmarkscheider" der Essener Ruhrkohle AG, und in dieser Funktion sind ihm die Graugänse in die Quere gekommen: Hansel ist verantwortlich für langfristige technische Unternehmensplanung, zumindest was den Abbau des schwarzen Goldes angeht.

Bei dieser Suche hat sich der Bergbau in den vergangenen 150 Jahren gewaltig bewegt: Begonnen haben die Pioniere an der Ruhr mit der Kohleförderung fast im Tagebau, heute buddeln sie in gut tausend Meter .Tiefe unter der Lippe. Sie sind pro Jahr rund 200 Meter nach Norden gewandert. Ernsthafte Probleme haben sie bei dieser Nordwanderung nie gehabt; ganz im Gegenteil, die Menschen sind von überall her ins Ruhrgebiet geströmt, um die Kohle- und Stahlindustrie mit aufzubauen. Und dies, obwohl sie täglich mit ansehen konnten, was das für die Erde bedeutete: Die Landschaft hat gelitten und ist an einigen Stellen so zerstört, daß sie selbst unter größten Anstrengungen nicht wiederherzurichten ist.

Solche Fehler, das fordern nicht nur Naturschützer, dürfen sich in der Zukunft nicht wiederholen. Da der Bergbau aber schon in den nächsten Jahren das Ruhrgebiet verläßt und auf gut 70 Kilometer Breite die nördlichen Kohlefelder erschließt und damit – zumindest unterirdisch – in noch relativ intakte Landschaften eindringt, wird zur Zeit im Revier heftig über diese Nordwanderung gestritten. Über den Schutz der Graugänse zum Beispiel.

Sie überwintern im Orsoyer Rheinbogen, nördlich von Duisburg. Von jeher kommen sie hierhin und finden in den Wiesen, Feldern und Tümpeln alles, was sie zum Leben brauchen. Daß dieser Landstrich ideal für sie ist, wurde sogar amtlich bestätigt: Seit 1983 zählt dieser Teil des Niederrheins zu den sogenannten Ramsar-Schutzgebieten. In der internationalen Ramsar-Konvention haben sich viele Staaten bereit erklärt, den Lebensraum der Wattvögel zu sichern und dafür zu sorgen, daß genügend Feuchtgebiete erhalten bleiben.

Genau im Orsoyer Rheinbogen will die Ruhrkohle AG nun aber einen Schacht bohren, damit sie ihren Weg nach Norden gehen kann. "Wir können nicht anders", entschuldigt sich Gerhard Hansel. Alle möglichen anderen Standorte habe man verwerfen müssen, denn das Gestein hier ist nicht ideal für die Schächte; es gibt sehr stark nach. In solchen Fällen ist der Schachtbau besonders aufwendig. Man muß das Gebirge zunächst in einem Durchmesser von 25 Metern einfrieren und bohrt dann in der Mitte den Schacht. Dieses Verfahren kann aber nur bis rund 600 Meter Tiefe angewandt werden. Bei allen Ausweichschächten für den Orsoyer Rheinbogen hätte man aber tiefer als 600 Meter bohren müssen. Nur im Rheinbogen selbst sind die geologischen Verhältnisse so, daß man exakt hinkommt.