Köln: "Schätze Indischer Kunst"

Gesten der Zärtlichkeit in rötlichem Sandstein oder Elfenbein – Krishna die Rundbrust der Geliebten Rádhá mit der Hand umfassend wie eine Weltenkugel: Die Darstellung des Erotischen, bevorzugtes Thema der indischen Kunst, steht gleichnishaft für die Liebe des Menschen zu Gott. Das Sehnen nach liebender Vereinigung symbolisiert das Streben der Seele, eins mit der Gottheit, mit dem Absoluten zu sein. Angeregt von der Pariser Veranstaltung "Les neuf visages de l’art indien" und New Yorks berückender Schau "Costumes of Royal India", entsandte Berlins Stiftung Preußischer Kulturbesitz an die 120 Exponate als Demonstration der Freundschaft im kulturpolitisch geeigneten Moment an den Rhein. Im tempelartigen Dunkel durch Leuchtstrahler zu einer wie magischen Lebendigkeit erweckt, flehen die wundersamen Gottheiten in Menschen- und Tiergestalt um unser Verständnis für ein philosophisches Konzept, das dem Kreislauf ewiger Wiedergeburt gilt. Buddhismus, Hinduismus und Jinismus schrieben keinesfalls motivische Einengung bei der bildhaften Übersetzung ihrer Lehre vor. Steinskulpturen und Reliefs mit den überlieferten Legenden; flachwangige Porträts im Bharhut-Stil; Terrakotten, Kultbronzen, Stoff- und Miniaturmalerei aus 2000 Jahren (von circa 200 v. Chr. bis ins 19. Jahrhundert aus dem Gebiet der Indischen Union und Pakistan) belegen die wichtigsten Kunstschulen in historischer Entwicklung und offenbaren ein schier grenzenloses Pantheon sinnlich-religiöser, philosophisch-asketischer Seinsweisen. Phantasmagorien, zu deren Entschlüsselung altindische Literatur beiträgt. "Dem ist das Selbst sein eigner Freund, der durch das Selbst das Selbst besiegt", heißt es im sechsten Gesang der Bhagavadgita, nach Wilhelm von Humboldt "das schönste, ja vielleicht das einzig wahrhafte philosophische Gedicht, das alle uns bekannten Weltliteraturen aufzuweisen haben".

Neben bäuerlich-archaischen Fruchtbarkeitsfigürchen blenden formale Eleganz, Anmut der Haltung und geistige Entrücktheit ("der Blick auf die Nasenspitze zielend") eines stehenden Bodhisattva, eines Buddha der Gandhara-Schule in römisch-hellenistischer Formsprache; Vishnus Inkarnationen zur Wiederherstellung der gestörten Weltordnung; Jinaheilige in Meditationshaltung auf Löwenthronen; die bronzenen Schönhüftigen, Vielarmigen oder Elefantenköpfigen, Verkörperungen zweier Pole (das männliche Prinzip als das ewig Unveränderliche, Passive und das weibliche als das Lebenshervorbringende, die Urmaterie). Für Märchenfreunde die Inkunabeln der Mogul-Malerei in glühendem Edelsteinkolorit, das, wie die Maharani von Jaipur in "A Princess Remembers" versichert, aus zermahlenen Juwelen herrühre. Die Kunst der muslimischen Höfe brilliert mit Jagdszenen, Elefantenkämpfen, Seiltänzerinnen und Interieurszenen von kammermusikalischem Reiz: starr blickende Liebespaare – die Starknasigen stets im Profil – belegen die Ambivalenz des Mystizismus: Genuß und Entsagung als die beiden Lebensziele. (Josef-Haubrich-Kunsthalle bis zum 2. 11., Katalog 22,– Mark) Ursula Voß