246 Kilometer in 36 Stunden – der "Spartathlon" ist ein Abenteuer / Von Werner Sonntag

Vor dem Stadion, in das Spiridion Louis 1896 als erster Marathon-Sieger in der Geschichte der Olympischen Spiele eingelaufen war, fragte mich Barbara, 48, aus Ontario, ob sie sich mir anschließen dürfe – 10 km/h? Nein, sagte ich, 9 km/h, nämlich neun Stunden von Athen nach Korinth. Nicht schneller. So nach 30 km/h: Auf gar keinen Fall schneller.

Wissen die Leute, die nach Daphni wegen des byzantinischen Klosters fahren, wo sie fahren? Auf der Heiligen Straße nach Eleusis, wie’s im Reiseführer steht? Sie fahren entlang mäandrischen Bändern aus Müll. Doch sie können ihn nicht wahrnehmen, auch nicht den Aasgeruch von angewalzten Katzen und Hunden.

In der Heiligen Stadt Eleusis hatte Demeter dem eleusischen Königssohn das erste Weizenkorn geschenkt. Die Mysterien von Eleusis, zu denen sich der Festzug über die Heilige Straße bewegt hatte, sollten die Erinnerung an dieses Menschheitsgeschenk wachhalten. Die Heilige Straße heute: Exkremente der Veredelungswirtschaft, Müllsäcke, aus Autofenstern geworfen, beim Aufprall aufgeplatzt, ausgewürgte Plastik- und Blechbrocken der Industriegesellschaft. Ich sehe einen Sinn darin, entlang dieser verpesteten Straße zu laufen. Ich sehe einen Sinn darin, ein Land zu erlaufen.

Barbara ist in einer Gruppe hinter mir geblieben. Neben mir läuft Seppo, 35, aus Finnland, bis einer von uns beiden an einer Verpflegungsstelle eine halbe Minute zu lange verweilt. Wir sind schon einmal miteinander gelaufen. Solche extremen Ausdauerprüfungen wie diese vollziehen sich innerhalb einer weltweiten Ultralauf-Familie. Golf ist ein Massensport dagegen.

Ökonomie muß sein

Mary, 25, amerikanische Medizinstudentin, geht im Schritt und läuft dann wieder. Dies ist ihre Art der Ökonomisierung. Ohne Ökonomie geht es auf 246 Kilometern nicht. Paul, laufender Deutsch-Professor in Athen, einer unserer Betreuer, mahnt: langsamer. So ungefähr nach der ersten Marathonstrecke, gegen 11.30 Uhr, erkundige ich mich nach der Temperatur: 36 Grad Celsius. Ich nutze jedes der "Wasserlöcher" alle drei bis fünf Kilometer. Die Griechen und ihre ausländischen Helfer haben für uns 51 Läufer eine Infrastruktur aufgebaut, vor der wir nur die Mütze ziehen könnten, wenn dies wegen der Hitze nicht unangebracht wäre. Ich habe, wie andere auch, ein Schweißband mit einem über dem Nacken flatternden Taschentuch, was uns in den Augen von Autotouristen ein sehr arabisches Aussehen geben mag. Eine Hamburger Mittelstandsfamilie, die im Caravan-Gespann aus einer Tankstelle ausfahren will, grüße ich landsmannschaftlich; die Dame schaut angestrengt durch mich hindurch.