Von Rainer Schauer

Die Ankunft des Königs in Ebikon bei Luzern am Vierwaldstätter See meldet das Luzerner Tagblatt am 28. Juni 1881 mit ein paar dürren Zeilen: "Heute vormittag traf mit Extrazug König Ludwig von Bayern in Luzern ein, um dann mit Extraschiff nach Brunnen zu fahren und auf dem Axenstein einen vierzehntägigen Aufenthalt zu nehmen. Das einfache und sehr leutselige Benehmen des Königs gegenüber jedermann wird sehr gepriesen."

Über den Abschied des Königs heißt es nur kurz im konservativen Zentralorgan für die deutsche Schweiz, Das Vaterland: "Letzten Mittwoch (13. 7.), nachts gegen 11 Uhr, ist König Ludwig von Bayern per Droschke von Kastanienbaum abgefahren und um 12 Uhr in Ebikon eingetroffen, wo er im ‚Löwen‘ sechs Zimmer zuvor, bestellt hatte." Am 14. Juli 1881 – ein Ständchen Ebikoner Musikanten lehnt der König ab – besteigt Ludwig II. um 10.00 Uhr in der Früh den Sonderzug nach München. In die Schweiz wird der Wittelsbacher nie mehr wiederkommen.

Ankunft: 28. Juni 1881, Abfahrt: 14. Juli 1881 – dazwischen liegen Tage voller Freundschaft, Glück, Enttäuschungen und Schwermut. Der König liebt und leidet. Aber davon ist nichts in den Zeitungsmeldungen oder zwischen den Zeilen zu lesen. Niemand stellt die Frage, warum der König von Bayern in die Schweiz kommt, wer ihn begleitet. Heute sind die Spuren der Schweizer Reise König Ludwigs verwischt und rund um den Vierwaldstätter und den Urner See nur noch bruchstückhaft vorhanden. Manche Bürger erinnern sich an die Erzählungen ihrer Väter und Großmütter.

Der Hintergrund für diese Reise im Sommer 1881 führt ins Schicksalsgeflecht der Beziehungen zwischen zwei Menschen. Der eine ist König Ludwig, der andere der 23jährige Schauspieler Joseph Kainz. Ihn hat Ludwig für die Rolle des Melchthal in Schillers Drama "Wilhelm Tell" vorgesehen, das am Münchner Hoftheater in einer Neuinszenierung aufgeführt werden soll. Fasziniert von der Sagengestalt des Teil, will Ludwig, daß sein Freund Kainz an Originalschauplätzen rezitierend den Teil auferstehen läßt. Kainz soll sich Inspirationen für seine Rolle holen. Aber es ist noch mehr, was König und Schauspieler auf die Schweizreise gebracht hat. Ludwig sucht nach der berauschenden Freundschaft mit Richard Wagner, die zerbrochen ist, das neue Ideal einer brüderlichen Beziehung. Der König beschreibt dies in einem Brief an den Sänger Nachbauer: "Wir beide sind Feinde alles Gemeinen und erglühen im heiligen Feuer für alles Hohe, Reine und Ideale. Deshalb wollen wir auch lebenslang Freunde bleiben."

Es regnet in Ebikon. Schnürlregen seit Tagen. Im "Löwen" sagt Hotelier Karl Fässler, ihm sei nicht bekannt, daß ein König von Bayern jemals hier abgestiegen sei. Aber ein Kaiser, Sigismund, der soll schon einmal im "Löwen" genächtigt haben. Schließlich sei der Gasthof schon 500 Jahre alt. "Aha", sagt der Bahnhofsvorsteher, als er hört, auf seinem Bahnsteig seien schon Hochwohlgeborene geschritten.

Ein heftiger Wind peitscht Schaümkronenwellen gegen das Ufer. Die Berge ringsum sind fast bis zum Fuß in Nebel gehüllt. Damals, als der König kam, schien die Sonne. Das Luzerner Tagblatt berichtet: "König Ludwig von Bayern hat seine bekannten Eigenheiten auch bei der Gelegenheit seiner vorgestrigen Passage durch Luzern wieder gezeigt. Ein Extradampfboot war um sieben Uhr bestellt; der König kam aber erst um zehn Uhr an; er selbst stieg in Ebikon aus und fuhr per Wagen über Luzern nach Kastanienbaum ... Er that dies offenbar, – weil ihm die ‚vermuthete Volksversammlung‘ in Luzern zur Besichtigung seiner Person lästig war; indessen harrten seiner am Quai nur etwa 50-80 Neugierige ..."