Bis auf Jugoslawien bauen alle Länder die Kernkraft weiter aus

Von Karl Stipsicz

Wir können es nicht erlauben, daß mit dem Bau des Atomkraftwerkes von Prevlaka der Kopf Jugoslawiens in eine gefährliche Schlinge gelegt wird.“ Professor Dragiča Ivanovic, der Rektor der Technischen Hochschule von Belgrad, ist in ganz Jugoslawien als entschiedener Gegner von Atomkraftwerken bekannt. Eher ungewöhnlich ist nur der Ort seiner Philippika: das versammelte Zentralkomitee des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens.

Die Furcht vor der Störanfälligkeit der Kernreaktoren war nur ein kleines Glied in der leidenschaftlich vorgetragenen Argumentationskette des Professors. Jugoslawien sei zu hoch verschuldet, um sich den Luxus eines aus dem Westen importierten Atomkraftwerkes leisten zu können. Außerdem habe man die eigenen, im Lande schlummernden Energiereserven an Gas und Wasserkraft noch viel zu wenig erschlossen. Die denkwürdige ZK-Sitzung fand nicht nach, sondern vor Tschernobyl statt, am 20. Februar dieses Jahres.

In einigen westeuropäischen Ländern bedurfte es erst des größten anzunehmenden Unfalls in der Ukraine, um Bevölkerungsmehrheiten gegen die Atomkraft aufzubringen. Im Vielvölkerstaat Jugoslawien errechneten Meinungsforscher bereits zur Jahreswende 1985/1986 eine knappe Mehrheit, die sich gegen die friedliche Nutzung der Atomkraft aussprach.

Die Belgrader Regierung hatte indes ein ehrgeiziges Nuklearprogramm vorgelegt: Bis zur Jahrtausendwende sollten zu dem im Jahr 1984 in Betrieb gegangenen 660-Megawatt-Kraftwerk von Krsko an der Grenze der Teilrepubliken Kroatien und Slowenien weitere vier 1000-MW-Atomanlagen gebaut werden. Unternehmen aus acht westlichen Staaten und der Sowjetunion interessierten sich für den Mammutauftrag. Tschernobyl hat die Chancen der Kraftwerksbauer wesentlich verringert.

In den letzten Julitagen beschloß die Belgrader Regierung, die Atompläne vorerst aufzuschieben. Anstelle der ausländischen Angebote will man im Herbst den Entwurf einer Expertenkommission studieren, die den Auftrag bekommen hat, alle verfügbaren heimischen Reserven in ein alternatives Energiekonzept mit einzubeziehen. Im Mittelpunkt der jugoslawischen Atomdiskussion steht die Frage, ob die Verbrennung niederwertiger Braunkohle aus dem Kossovogebiet und ein Stausystem an der Drina den Atomstrom ersetzen können.

Die kalten Winter und trockenen Sommer der vergangenen Jahre sprächen für die Belgrader Atomlobby, die sich nicht auf Umfragemehrheiten, dafür aber auf entmutigende Energieberichte stützen kann. Das Land muß jährlich rund zwölf Millionen Tonnen Erdöl importieren. Der kostbare Rohstoff wird aus der Golfregion nach Jugoslawien verschifft, die Rechnung aber kommt aus Moskau. Im Rahmen eines Dreiecksgeschäftes werden sowjetische Waren in die arabischen Staaten exportiert; auf dem Tauschwege schicken die Empfänger Öl an die Adria, und Belgrad überweist die Devisen an die Sowjetunion, die sich auf diesem Wege den Bau einer eigenen Pipeline und Transportkosten erspart.

Der Grad der Abhängigkeit von den Großmächten ist im blockfreien Jugoslawien noch immer eine sensible Frage. Für die Gegner der Atomkraft, die auch in den höheren Parteirängen ihre Verbündeten haben, ist der Ausbau der Energiegewinnung aus Kernkraftwerken gleichbedeutend mit mehr Abhängigkeit – diesmal von den multinationalen Konzernen und den Kreditgebern des Westens. Inzwischen sind drei von vier Jugoslawen laut Meinungsumfragen entschiedene Gegner der Atomkraft.

In den sozialistischen Staaten Mittel- und Osteuropas ist die Kernenergiediskussion nach Tschernobyl gar nicht erst in Gang gekommen. Die ironische Betrachtung sowjetischer Technik gehört in den Comecon-Staaten zur fast vierzigjährigen Tradition der Kommunistenwitze. Doch während die tschechischen Medien über die Katastrophe von Tschernobyl nur sehr zögernd berichteten, hielten sich die polnischen und ungarischen Zeitungen bei ihren Erklärungen peinlich genau an die kritischen Artikel sowjetischer Journalistenkollegen.

Die Vorsicht der Osteuropäer entspringt einer jahrzehntealten Erfahrung. Offen geäußerte Kritik an den Produkten der sowjetischen Industrie wird leicht als Ausdruck von Illoyalität gegenüber dem mächtigen Verbündeten interpretiert. Gleichzeitig würde das eigene Atomprogramm in Frage gestellt, denn alle Oststaaten, mit Ausnahme Rumäniens, verwirklichen ihre Energiepläne mit Hilfe von sowjetischen Druckwasserreaktoren des Typs Woronesch. Als die strahlenden Wolken von Tschernobyl noch über ganz Europa schwebten, beeilten sich die sozialistischen Atomexperten denn auch zu erklären, daß die Woronesch-Anlage, erstens, ganz anders aufgebaut sei als der Unglücksreaktor in der Ukraine, und daß, zweitens, die jeweils eigenen Atomkraftwerke von zusätzlichen Schutzhüllen (Containments) umgeben und daher ganz besonders sicher seien.

Proteste nur in Polen

Diese Argumentation gilt auch heute. Tschernobyl wird als Sonderfall betrachtet, der nichts mit der osteuropäischen Wirklichkeit zu tun hat. Nur in der Volksrepublik Polen, die als Nachbarstaat der Ukraine von der Tschernobyl-Katastrophe viel stärker betroffen war als die übrigen Länder Europas, wurden kleinere Protestmärsche abgehalten und Briefe an den Sejm, das polnische Parlament, geschrieben – und sogar beantwortet. Der Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Wissenschaft und technischen Fortschritt sicherte rund 3000 Bürgern von Bialystok, die in einer Petition den Stopp des polnischen Atomprogramms gefordert hatten, zu, daß man „beim Bau der eigenen Kraftwerke alle Erfahrungen von Tschernobyl berücksichtigen“ werde. Schon in den ersten Maiwochen verkündete Regierungssprecher Jerzy Urban jedoch, daß es „keine Korrektur der beschlossenen Pläne“ geben werde. Das erste polnische Atomkraftwerk bei Zarnowiecz (Zarnowitz) in der Danziger Region wird derzeit unter der Leitung sowjetischer Ingenieure gebaut und soll im Jahr 1990 den Betrieb aufnehmen.

Die eher zaghaft vorgetragenen Proteste polnischer Ärzte und der betroffenen Bevölkerung hatten bei den Entscheidungen der Wirtschaftsbürokratie kein Gewicht. Am 16. Juli – der Unfall von Tschernobyl lag erst elf Wochen zurück – wurde in Warschau der Terminplan für die Errichtung eines zweiten polnischen Atomkraftwerkes veröffentlicht. Bei Klepicz im Bezirk Posen– zweihundert Kilometer von Berlin entfernt – soll im Jahr 1995 der erste von insgesamt vier 1000-MW-Leichtwasserreaktoren in Betrieb gehen.

Der ärgste Feind des polnischen Atomprogramms ist die eigene Schlamperei. In einem Artikel der Fachzeitung Przeglad Techniczny wurde Kritik an der Bauleitung von Zarnowiecz geübt: Von 4000 Beschäftigten kämen nur 2200 pünktlich zur Arbeit, es hapere mit den Zulieferungen, und außerdem seien zu wenige Baumaschinen im Einsatz.

Weit entschlossener als die polnischen Nachbarn planen die Tschechen und Sloaken den Umstieg ins Atomzeitalter. In keinem anderen Land wurde so knapp und so verschämt über Tschernobyl berichtet wie in der ČSSR. Am 30 April dementierte das kommunistische Parteiorgan Rude Pravo Berichte, wonach auf dem Staatsgebiet der Tschechoslowakei erhöhte Radioaktivität gemessen worden sei. Sechs Tage später aber verkündete das staatliche Fernsehen, daß die „radioaktive Strahlung im Lande bereits um ein Drittel gesunken“ sei. Tschernobyl wurde in der offiziellen Diktion zum „bedauerlichen Betriebsunfall der raschen wissenschaftlich-technischen Entwicklung“ verniedlicht.

Ähnlich wie Frankreich hat auch die Tschechoslowakei ihre Energiepläne ganz auf die Kernkraft abgestimmt. Im Jahr 2000 sollen 60 Prozent der gesamten Stromerzeugung aus atomaren Quellen kommen. Im Vorjahr erzeugten die fünf 440-MW-Reaktoren des Landes 14,6 Prozent des elektrischen Stromes, bis 1990 soll sich dieser Anteil fast verdoppeln. Doch selbst Prager Energiefachleute kalten Verzögerungen in diesem ehrgeizigen Programm für „möglich“ bis „wahrscheinlich“. Unterderhand werden Organisationsmängel sowie eine geplante sicherheitstechnische Nachrüstung der in Bau befindlichen und der bereits in Betrieb stehenden Atomkraftwerke dafür verantwortlich gemacht. Das neuerwachte Sicherheitsdenken kostet westliche Devisen, da entsprechende Systeme aus der Bundesrepublik oder aus Frankreich importiert werden müssen. Gegen die Atompläne protestieren im Lande selbst nur die von ihren Mitbürgern weitgehend isolierten Dissidenten der Bürgerrechtsbewegung Charta 77.

Eine Alternative zu ihrem ehrgeizigen Atomprogramm gibt es für die Prager Energieplaner nicht. Das verheerende Waldsterben, das weite Teile des Erzgebirges und des Böhmerwalds zu Wallfahrtsorten besorgter Forstfachleute aus aller Welt gemacht hat, läßt die Atomkraft vielen Tschechen als das kleinere Übel erscheinen. Der Verbrauch von Kohle und Erdöl darf laut Fünfjahresplan bis 1990 nicht mehr zunehmen.

Ängste der Produzenten

Das Tschernobyl-Desaster hat für die ČSSR noch eine weitere, unerfreuliche Seite. Im Rahmen der sozialistischen Wirtschaftsgemeinschaft Comecon ist den Tschechen die Rolle eines Reaktorproduzenten zugedacht. In den Skoda-Werken von Pilsen werden derzeit jährlich drei Reaktoren hergestellt – je vier Stück sollen Ungarn und Polen abnehmen, drei Reaktoren sind für die DDR bestimmt, zehn 440-MW-Blöcke des Typs Woronesch sollen in der Tschechoslowakei selbst aufgestellt werden. In Pilsen befürchtet man nun, die großzügigen Ausbaupläne der Comecon-Staaten könnten drastisch gekürzt werden, was wiederum Rückwirkungen auf den tschechischen Maschinenexport und die mühsam erhaltene Vollbeschäftigung hätte.

Eine erste Bestätigung fanden die böhmischen Ängste in einem Beschluß der Budapester Regierung: Das ungarische Atomprogramm wird vorläufig auf den Ausbau des einzigen schon bestehenden Atomkraftwerkes bei Paks an der Donau beschränkt. Jede vierte Kilowattstunde elektrischen Stromes soll im Jahr 1987 von Paks aus in das ungarische Netz eingespeist werden.

Die ungarischen Umweltschützer, die seit Jahren gegen ein schon im Bau befindliches Donaukraftwerk 40 Kilometer oberhalb von Budapest kämpfen, meldeten sich zum Thema Tschernobyl kaum zu Wort. Mehr noch als ihre Gesinnungsgenossen in Polen und in Jugoslawien befinden sich die ungarischen Kernkraftgegner im Argumentationsnotstand: Ihr Land besitzt praktisch keine Energiereserven. Als direkte Folge des sowjetischen Atomunfalls will die ungarische Regierung nun die bundesdeutschen Sicherheitsbestimmungen für Atomkraftwerke übernehmen und westliche Fachunternehmen für Sicherheitsfragen konsultieren.

In der Ratlosigkeit darüber, wie es mit der Energiewirtschaft nach der Katastrophe von Tschernobyl weitergehen soll, sind östliche und westliche Experten vereint. Ein ungarischer Atomphysiker beantwortete die Frage nach den direkten Folgen von Tschernobyl mit einem vielsagenden Lächeln: „Die Welt mag sich geändert haben, unsere Alternativen sind dieselben geblieben.“