Von Robert von Rimscha

Der „Grüßer“ war immer Laguna Beachs Wahrzeichen gewesen. Doch der alte Mann mit dem silbernen Indianerhaar und dem wallenden Bart, der Fremde willkommen hieß und ihnen Blumenkränze umlegte, ist längst tot. Etliche Penner versuchten vergebens, seine Nachfolge anzutreten. Sie erlangten nie den Ruhm von dem, der nun mit gefalteten Händen naive Bilder ziert und in Holz oder Stein vor den diversen Kunstmärkten entlang des Coast Highway steht. Die Rennstrecke durchschneidet, vierspurig und dennoch meist verstopft, den 20 000-Seelen-Ort, rund eineinhalb Stunden Autoentfernung südlich von Los Angeles parallel zum Strand gelegen.

Womit schon alles genannt ist, was den Ruf Lagunas ausmacht: Kunst und Strand. Man sei die Künstlerkolonie der nahen Weltstadt, Hollywoods Liegewiese, der Ferienort der Intellektuellen, verkünden Einheimische und Werbeprospekte stolz. „Damit leider auch Schwulenkolonie“, fügt Wochenendgast Mary-Lou Brueggemann hinzu. Ich solle sie mir ruhig einmal anschauen. Da drüben träfen sie sich immer, weiß die ältere Dame und zeigt auf eine Bar gegenüber vom Strand. Nicht daß sie etwas gegen die hätte, betont sie mit erhobenen Händen. Von den Schwulen läßt sich die alte Lady nicht stören. Dabei hilft es ihr sicher, daß es im einschlägigen „Little Shrimp“-Club recht unauffällig zugeht, wofür hauptsächlich die hohen Holzzäune rund um das kleine Areal mit der Bar sorgen.

Viel eher fallen Kunst und Touristen auf. Dabei unterscheidet sich Laguna erheblich von den Bettenburgen an unserem Mittelmeer. Südkaliforniens mediterrane Stimmung und Witterung wird hauptsächlich von reichen Angelenos genutzt, die hier ihre Zweitwohnung für die Ferien haben. Höher als dreistöckig ist kein Gebäude. Tagesgäste ergänzen die Strandhungrigen. Dauergäste im Hotel und Ferntouristen sind die Ausnahme, Europäer daher eine Seltenheit.

Wenn Mr. und Mrs. Brueggemann in Laguna Beach sind, schauen sie sich Bilder an. Die Kunst und das Geschäft mit der Kunst sind Lebensnerv der kleinen Gemeinde. Entlang des Coast Highway reiht sich Galerie an Galerie. Gleich drei große Kunstausstellungen ziehen sich sommers weit ins trockene Hinterland, auf dem Boden eines schmalen Canyons entlang. „Festival of Arts“ heißt das bekannteste und beste, gleich daneben stehen die Buden von „Art-a-fair“ und „Sawdust“. Bunte Fahnen und Wimpel flattern über den Eingängen. Das Sortiment reicht von Photos und Keramik über Schmuck und Stoffarbeiten bis hin zu Objekten und allen Formen von Malerei. Kunst und Kitsch, Hokuspokus und Handwerk sind dabei nahe beieinander. Ein Grund für die große Anziehungskraft der Ausstellungen sind die guten Chancen, die Künstler persönlich bei ihren kleinen Ständen zu treffen. Letzte Saison lief Naives am besten. Für das menschenüberströmte Grellwerk „Only in Laguna“ erhielt die Künstlerin 12 000 Dollar. Begeistert erzählte sie den Besuchern, wer auf dem Bild ihr Mann und wer ihr Onkel ist.

Eigentlich ist Laguna Beach nur der bedeutendste Kunstmarkt Südkaliforniens. Sein Ruf jedoch geht weit darüber hinaus. Pete Townshend singt verträumt von guten Zeiten, als er in Laguna spazieren ging und davon, wie ihm die Erinnerung daran das Herz bricht. Allen Ginsberg signiert im lokalen Linksladen „Fahrenheit 451“ und liest tags darauf in der Stadthalle, auf Einladung der „Laguna Poets“, ein locker verbundener Dichterkreis von Amateuren. Feinsinnige ältere Ladys, die hehrer Ästhetik huldigen, stehen neben der Exilfranzösin in der Midlife-crisis und ungestümen langhaarigen Jugendlichen. Sie alle freuen sich sehr, wenn ein neues sensibles Talent zögernd zum erstenmal ans Pult geschoben wird.

Laguna Beach genießt schon viel länger Weltruhm als der Poet Ginsberg. Zu verdanken hat die Gemeinde das einer Idee, die mittlerweile ein Menschenalter zurückliegt. Damals hatten sich die Ausstellungsplaner überlegt, wie sie ihr „Festival of Arts“ attraktiver machen könnten. Sie erfanden etwas, was weltweit einmalig ist und die Kunstmesse längst zur Vorhallenausstellung degradiert hat: das „Pageant of the masters“: Thurl Ravencrofts Fernsenbaß tönt pathetisch, das Orchester erhebt sich zu jauchzenden Höhen, der Vorhang öffnet sich, auf der Bühne steht ein Bild: Die Tausende klatschen stürmisch. Nach zwei Minuten schließt sich der Vorhang, geht bald jedoch wieder hoch und gibt den Blick frei auf eine altägyptische Gürtelschnalle mit einem Kriegswagenmotiv. Das wiederholt sich vierzigmal, und die Besucherscharen im eigens erbauten „Irvine Bowl“ befinden, daß es die umgerechnet gut vierzig Mark Eintritt schon wert war: terrific! Was sie nämlich da auf der Bühne gesehen haben, war ein Papp- und Holzimitat des echten Kunstwerks, täuschend ähnlich nachgemacht, mit bunt angemalten und kompliziert verrenkten Menschen davor in der jeweiligen Position.