Von Kurt Wendt

Vor wenigen Jahren war es noch unvorstellbar, jetzt aber scheint es Wirklichkeit zu werden: Aktien des gewerkschaftseigenen Versicherungskonzerns Volksfürsorge und der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) könnten bald an der Börse gehandelt werden. Die Gewerkschaftsholding Beteiligungsgesellschaft für Gemeinwirtschaft AG (BGAG) braucht nämlich Geld. Für sie ist der Fall Neue Heimat noch nicht abgeschlossen. Die BGAG ist gegenüber dem Käufer der Neuen Heimat, Horst Schiesser, erhebliche Verpflichtungen eingegangen, für die jetzt Mittel angeschafft werden müssen.

Als erstes will die BGAG Teile der Volksfürsorge verkaufen. Das hat der DGB-Finanzchef Horst Teitzel gegenüber dem Gewerkschaftsblatt Welt der Arbeit erklärt. Einen endgültigen Beschluß darüber gäbe es zwar noch nicht, sagte Teitzel. Er deutete jedoch an, daß möglicherweise Volksfürsorge-Aktien noch in diesem Jahr breit gestreut angeboten werden. Selbstverständlich sollen auch die Mitarbeiter des Versicherungskonzerns angesprochen werden. Die Mehrheit wird aber in Gewerkschaftshand bleiben. Neben der BGAG ist die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft mit 25 Prozent an der Volksfürsorge beteiligt.

Eine Teilprivatisierung der Versicherungsgruppe hatte sich schon seit einiger Zeit abgezeichnet. Sie ist eine Perle innerhalb des Gewerkschaftsvermögens und Perlen lassen sich bekanntlich am ehesten günstig verkaufen. Auch wenn die skandalösen Vorgänge um die Neue Heimat dem Ruf gemeinwirtschaftlicher Unternehmen alles andere als förderlich waren, das Ansehen der Volksfürsorge ist davon nicht angekratzt worden. Mauscheleien, wie sie im gewerkschaftseigenen Wohnungsbaukonzern gang und gäbe waren, sind bei diesem Unternehmen der Gewerkschaften schon deshalb schwer möglich, weil es für Versicherungen eine wirksame Kontrollbehörde, nämlich das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen, gibt. Selbst wenn der Volksfürsorge-Aufsichtsrat beide Augen zudrücken sollte, die Berliner Kontrolleure tun dies mit Sicherheit nicht.

Der Vorstand weiß ein Lied davon zu singen. Als er nämlich vor einigen Jahren versucht hatte, die in der Rückversicherung eingetretenen hohen Verluste durch die Lebensversicherung auszugleichen, legte das Aufsichtsamt ein Veto ein. Es stellte sich auf den Standpunkt, daß die Sanierung der Rückversicherung durch die gewerkschaftlichen Eigentümer vorzunehmen sei und nicht durch die Lebensversicherung, also letztlich zu Lasten der Versicherten.

Lange Zeit war darüber gerätselt worden, auf welche Weise der Teilverkauf der Volksfürsorge über die Bühne gehen würde. Werner Schulz, deren Chef, war von Anfang an für die Beteiligung der Belegschaftsmitglieder eingetreten, also für eine möglichst breite Streuung. Sie würde nämlich die Machtposition der gewerkschaftlichen Aktionäre am wenigsten beeinträchtigen.

Denkbar wäre auch ein en bloc-Verkauf eines namhaften Paketes an ausländische Interessenten. Besonders die Engländer sind daran interessiert, ihre Position auf dem deutschen Versicherungsmarkt zu stärken. So befindet sich seit einiger Zeit die Batig, in der die deutschen Interessen des britischen BAT-Konzerns zusammengefaßt sind, auf der Suche nach einem geeigneten Einstieg in das deutsche Finanzdienstleistungs-Geschäft. Die Batig will dies allerdings aktiv betreiben und sich nicht mit der Rolle eines dividendenkassierenden Beobachters begnügen. Mehr wäre für die Batig bei der Volksfürsorge aber nicht drin gewesen, solange die Mehrheit bei der BGAG liegt.