Kanada sieht einem Tourismusboom entgegen. Die Reisenden freilich werden sich nicht der üppig wachsenden, kerngesunden Wälder wegen in das nordamerikanische Land begeben, sondern weil es ihrem Haupthaar an der Üppigkeit gebricht.

Die kanadische Gesundheitsbehörde nämlich hat – als erste in der Welt – eine Creme zum Verkauf freigegeben, die erwiesenermaßen das verkümmernde Haarwachstum wieder anzuregen vermag.

In klinischen Prüfungen, sproß 75 Prozent der mit der Creme behandelten Probanden tatsächlich wieder ein Flaum zarter Härchen aus der längst ausgedörrten Platte. Allerdings reichte dies nur bei acht Prozent der Versuchspersonen zu einer glatzendeckenden Kopfbehaarung. Immerhin, ein so handfestes Resultat hat seit Menschengedenken kein Haarwuchsmittel verzeichnen können.

Deren hat es unzählige gegeben. Kahlköpfige haben sich Quark, Urin, Eigelb, Honig, Teer und allerlei Tinkturen in die Kopfhaut gerieben – nichts davon vermochte auch nur ein Härlein hervorzulocken. Gegen Ende der sechziger Jahre schien endlich ein Präparat gegen schütteres Haupthaar gefunden, das männliche Sexualhormon Testosteron. Ein amerikanischer Professor der Dermatologie hatte die haarwuchsfördernde Eigenschaft der Wirksubstanz bekundet, doch es stellte sich als Irrtum oder Irreführung heraus – geklärt ist dies bis heute nicht – und kostete den Entdecker allerlei ehrenvolle Ämter, die er bis dahin innehatte. Dies alles störte pfiffige Kosmetiker in der Bundesrepublik nicht, das damals freiverkäufliche Geschlechtshormon noch einige Jahre in ihre Gurkensäfte und Kräuteressenzen zu mischen, hoffend, daß sie nun endlich bewirkten, was das Etikett auf dem Fläschchen immer schon versprochen hatte.

Die neue Creme, die so manchen Herrn mit hoher Stirn nach Kanada ziehen wird, enthält als Wirksubstanz „Minoxidal“. Seine Wirksamkeit erstreckte sich bisher auf einen ganz anderen Bereich des menschlichen Körpers. Minoxidal – in der Bundesrepublik unter dem Präparatenamen „Lonolox“ vom Pharmaproduzenten Upjohn vertrieben – ist eine blutdrucksenkende Substanz. Eingesetzt werden soll das Medikament laut Information des Herstellers für den Arzt nur „zur Hochdruckbehandlung, wenn maximale therapeutische Dosen anderer Antihypertonika ... keinen ausreichenden Erfolg gezeigt haben“. Ein fraglos wichtiges Mittel der letzten Wahl also ist „Lonolox“, aber doch ein Medikament, mit dem nicht zu spaßen ist. Denn neben seiner segensreichen Wirkung kann es beim falschen Patienten oder bei falscher Dosierung böse Folgen haben. Zu seinen Nebeneffekten gehört, daß die Salz- und Wasserausscheidung erheblich verringert wird. Wasser kann sich also aufstauen, Ödeme hervorrufen und das Herz arg belasten. Herzjagen und Anginapectoris-Beschwerden mögen die Folge allzu leichtfertiger Einnahme des Mittels sein.

Angesichts all dessen ist es verwunderlich, daß der Arzneimittelkonzern Upjohn ein so stark wirkendes und vor allem von gravierenden Nebenwirkungen begleitetes Präparat überhaupt für die Verwendung als Kosmetikum in Erwägung gezogen hat. Selbstverständlich gibt es Substanzen, die wir gefahrlos auf die Haut schmieren dürfen, wiewohl sie, geschluckt, eine fatale Wirkung entfalten würden. Es ist also keineswegs ausgeschlossen, daß Minoxidal, als Creme auf die Haut aufgetragen, kein Unheil anrichtet. Dafür sprechen auch die kanadischen Prüfungsergebnisse.

Allerdings wurden bei den klinischen Experimenten vorsichtshalber Patienten mit hohem Blutdruck oder Herzleiden und über 49jährige als Probanden nicht zugelassen. Just diesen Personenkreis soll auch der Beipackzettel des – rezeptpflichtigen – Präparats ausdrücklich ausschließen. Doch werden sich die verschreibenden Ärzte, werden sich die Verbraucher daran halten?