Von Roland Kirbach

Die Siedlung Bergedorf-West im Südosten Hamburgs ist das, was man im Behördenjargon so gern mit "sozialer Brennpunkt" umschreibt. Sehr viele Sozialhilfeempfänger wohnen hier; der Ausländeranteil liegt bei 20 Prozent. Die riesigen, anonymen Wohnsilos sind einheitlich grau und mit der Zeit verwittert. In zwanzig Jahren "ist hier nie was renoviert worden", sagt Mieter Rolf Maureschat. Viele Wohnungen stehen mittlerweile leer, mitunter bis zu einem Jahr. "Zu vermieten: 3-Zimmer-Wohnungen... Neue Heimat", steht auf Schildern am Straßenrand.

Etwa ein Fünftel der rund 2000 Wohnungen gehören dem einstigen Gewerkschaftskonzern. Vor über zwei Jahren schon haben sich einige Anwohner zur "Mieterinitiative Bergedorf-West" zusammengeschlossen, um sich gegen die hohen Heizkostenabrechnungen zu wehren. Seit kurzem beschäftigt die Mieterinitiative jedoch nur noch ein Thema: Der Verkauf der Neuen Heimat an den Berliner Brotfabrikanten Horst Schiesser. "Die Leute wissen überhaupt nicht mehr, wo sie nun dran sind", sagt Initiativen-Sprecher Maureschat.

Aufklärung erhofften sich Maureschat und seine Mitstreiter von einer Mieterversammlung vergangenen Montagabend im "Kirchen-Pavillon" der Siedlung, einem Gemeindehaus der evangelischen Kirche, das eher einem Container ähnelt, aber wie alle eingeschossigen Flachbauten inmitten der Wohnblocks "Pavillon" genannt wird. "Erwartet werden Vertreter der SPD, CDU, GAL, FDP und NH" stand auf der Einladung zur Versammlung. Alle Parteien schickten auch tatsächlich jemanden, schließlich befindet sich Hamburg mitten im Wahlkampf: am 9. November wird eine neue Bürgerschaft gewählt. Die FDP, die nach acht Jahren endlich wieder ins Parlament einziehen will, entsandte gar drei Vertreter: einen aufs Podium und zwei ins Publikum, die "mal aus der Sicht der FDP" wissen wollten, was denn die Mieter nun zu erwarten hätten. Und die SPD, die sich ihrer absoluten Mehrheit nicht mehr so sicher sein kann, schickte hochkarätige Prominenz zum Beschwichtigen an die Front: den Chef der für die Neue Heimat zuständigen Aufsichtsbehörde, Bausenator Eugen Wagner.

Nur die Neue Heimat fehlte unentschuldigt, ebenso der DGB. Rolf Maureschat, selbst jahrelang Mitglied der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, nimmt das fast schon persönlich. "Das Verhalten hat mich mehr als schockiert", sagt er. Schon die geheimniskrämerische Art, in der der Verkauf vonstatten ging, ja, daß er überhaupt zustande kam, habe ihm "nicht in den Kopf" wollen. Ein paar Mal hat er sich schon überlegt, ob er mit dem Betriebsrat der Neuen Heimat Kontakt aufnehmen soll, so von Gewerkschafter zu Gewerkschafter. Doch das hat er jedes Mal wieder verworfen: "Die wissen ja selber nichts." Daß die Verantwortlichen an diesem Abend der Diskussion einfach fernbleiben, überrascht ihn jetzt auch nicht mehr sonderlich.

Die meisten Mieter scheinen sich ebenfalls nicht mehr viel zu erhoffen. Schon droht die Veranstaltung mangels Interesse ganz auszufallen. Auf dem Podium sitzen anfangs mehr Leute als im Publikum. Bausenator Wagner ist nicht böse darum. Für ihn ist es ein Indiz, daß das Thema die Leute doch nicht so sehr umtreibt wie vermutet. Auf das Hamburger Wahlergebnis, davon ist er überzeugt, werde die Neue-Heimat-Geschichte einen "zu vernachlässigenden Einfluß" haben. Wagner: "Ich stehe am Info-Stand und frage die Leute: Na, was habt Ihr für Fragen zur Neuen Heimat? Nix!" Auch die CDU habe ja, Gott sei Dank, erkannt, "daß das kein Thema ist", sagt der Senator, während sich der Raum allmählich doch füllt.

Dann kann es ja losgehen. Rolf Maureschat, der die Diskussion leitet, bittet die Vertreter der vier Parteien sowie den Vorsitzenden des "Mietervereins zu Hamburg", Eckard Pahlke, zunächst um ein "kleines Eingangsstatement", wobei die Politiker – es herrscht Wahlkampf! – das "klein" nicht so wörtlich nehmen.