Im Juni 1980 reiste Rolf Tiedemann, Herausgeber der „Gesammelten Schriften“ Walter Benjamins, nach Spanien, um in Ämtern und Archiven zu erkunden, was aus der letzten Habe von Benjamin geworden sei, der im September 1940 in Port Bou seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. Den Anstoß zu dieser nach vierzig Jahren immerhin überraschenden Reise gab ein Telephongespräch, das Gershom Scholem wenige Wochen zuvor in den USA geführt hatte. Er war dort aufmerksam geworden auf eine Frau, die von der Flucht Benjamins über die Pyrenäen zu berichten wußte: Lisa Fittko, geboren 1909 als Kind jüdischer Eltern im Osten des Habsburgerreiches, nach dem 1. Weltkrieg in Berlin, seit 1933 aktiv gegen den Nazismus von der Tschechoslowakei, von den Niederlanden, von Frankreich aus. Dort wurde sie 1940 interniert, kam wieder frei und führte dann zusammen mit ihrem Mann in Verbindung mit einer amerikanischen Hilfsorganisation zahlreiche Flüchtlinge über die grüne Grenze von Frankreich nach Spanien, also auf den Weg nach Portugal und Übersee.

Was sie Scholem über Benjamin erzählt hatte, schrieb Lisa Fittko in englischer Sprache auf. Eine (nicht von der Autorin) übersetzte und bearbeitete Fassung erschien 1982 im Merkur. Das große Interesse an diesem Bericht mag sie zur Veröffentlichung weiterer Aufzeichnungen über jene Jahre – nunmehr in ihrer Muttersprache – angeregt haben:

Lisa Fittko: „Mein Weg über die Pyrenäen – Erinnerungen 1940/41“, Hanser Verlag, München 1985; 286 S., 29,80 DM.

Es ist kein Buch aus einem Guß. Tagebuchauszüge stehen neben rekonstruierten Szenen, eindringlich geschilderte Episoden neben knappen Zusammenfassungen. Lisa Fittko weist selbst darauf hin, daß sie sich nach mehr als vier Jahrzehnten an manches sehr scharf, an anderes nur vage erinnert; sie gibt zwischendurch Angehörigen, Freunden, Genossen das Wort, verwendet wohl auch ältere Notizen von unterschiedlicher Genauigkeit.

So entsteht ein Beitrag zur Besichtigung des Zeitalters, der Aufmerksamkeit verdient. Wir kennen bewegende Zeugnisse von Exilierten im besetzten und im unbesetzten Frankreich, in Internierungslagern, im Untergrund, im Widerstand, auf der Flucht – und zu all dem hat auch diese Autorin einiges zu sagen. Was aber so noch nicht zu lesen war: der Bericht einer Frau, die mit ihrem Mann eine relativ sichere Ausreisechance ungenutzt ließ, um – selbst gefährdet – vielen anderen buchstäblich „über den Berg“ zu helfen.

Das macht die besondere menschliche und dokumentarische Qualität dieser Erinnerungen aus. Die Wahrheit ist auch hier konkret. Der alte Schmugglerpfad, den die Fittkos benutzten, um ihre Schützlinge auf die andere Seite zu bringen, hieß im Code des Hilfskomitees „F-Route“. Wer heute als Tourist die Pyrenäengrenze überfährt, wird nach der Lektüre dieses Buches vielleicht Zeit finden für den Gedanken: Salut den Tapferen! Helmut Niemeyer