Von Klaus Tschirner

Knochen geben Stabilität und dienen zugleich als Speicher von Mineralien. Im Inneren vieler Knochen aber liegen Produktionsstätten besonderer Art. Hier werden die verschiedenen Blutkörperchen und ein Teil der Immunzellen gebildet. Und nur unter den geschützten Bedingungen der Markhöhle leisten sie Ungewöhnliches: Wo andere Zellen sich lediglich teilen können und bestenfalls noch an Größe zunehmen, differenzieren sich im Mark aus einheitlichen, „pluripotenten“ Zellen über Vorstufen die roten und weißen Blutkörperchen, die Blutplättchen, Plasmazellen und Lymphozyten. Während sich die Lebensdauer der Zellen erschöpft, die in den Blutgefäßen zirkulieren, reift im Knochenmark also ständig eine neue Zellgeneration heran. Der Bedarf regelt hierbei die Produktion, der Markt bestimmt das Liefertempo. Die neuproduzierten reifen Blutkörperchen werden in die Peripherie rangiert – die Markhöhle ist Fabrikationsstätte mit Gleisanschluß an den Kreislauf.

Störungen sind an mehreren Stellen möglich. Das Knochenmark kann zum Ausgangsort unterschiedlicher Krankheitsbilder werden. Die Leukämie mit entarteten, unreifen weißen Blutkörperchen ist die wohl bekannteste Erkrankung des Marks, das angeborene Fehlen von Immunzellen eine andere, die Unfähigkeit, ausreichend viele rote Blutkörperchen zu bilden, eine dritte. Gegen Leukämien und bösartige Erkrankungen des lymphatischen Systems hatten Mediziner bisher die Chemotherapie und Bestrahlung eingesetzt, dazu Kortison und wirkungsähnliche Präparate – mit zunehmend besseren Ergebnissen, aber letztlich begrenztem Erfolg.

Nur in günstigen Fällen einer Leukämie können Medikament und Strahlung so dosiert werden, daß zwar alle Blutkrebszellen zugrunde gehen, zugleich aber gesunde Stammzellen zur Blutbildung erhalten bleiben. Seit zwölf Jahren wird auch in der Bundesrepublik ein anderer Therapieansatz erprobt: die Übertragung von Knochenmark eines gesunden Spenders auf den Erkrankten. Die Transplantation blutbildender Zellen verbessert, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, die Behandlungschancen der Leukämien.

Eine Organverpflanzung ist auch heute, neunzehn Jahre nach der ersten Herztransplantation, die Stunde des Chirurgen. Der Augenzeuge einer Übertragung von Knochenmark wird allerdings nichts Spektakuläres sehen. Die Entnahme der Markzellen ist einfach auszuführen, wenngleich sie – wie alle größeren Eingriffe – in Vollnarkose erfolgt. Der zweite Teil der Zellspende besteht in einer Bluttransfusion. Die setzt nur voraus, daß beim Empfänger eine Vene punktiert wird, nicht anders als bei einer Blutentnahme aus der Ellenbeuge. Die Spenderzellen finden über die Blutbahn ihren Weg ins Knocheninnere und siedeln sich dort in der Markhöhle an. Noch weiß niemand genau, warum die Zellen sich am gewünschten Ort einnisten. Was „Verpflanzung“ genannt wird, ist, dem Vorgang nach, eher eine Aussaat mit unerwarteter Treffsicherheit. Eingebettet in die Matrix des Markraumes nehmen die übertragenen Zellen alsbald wieder ihre ureigenste Tätigkeit auf: die Produktion verschiedener Blut- und Immunzellen – nach dem ihnen vertrauten Bauplan, dem Merkmalskatalog des Spenders.

Jede Transplantation setzt Gewebeverträglichkeit voraus, sonst stößt der Körper des Empfängers das neue Organ ab. Wird statt eines Organs Knochenmark übertragen, so liegt ein zusätzliches Problem vor: Das Transplantat enthält neben blutbildenden Zellen auch Immunzellen, die T-Lymphozyten. Diese erkennen den Körper des Patienten als fremd und lösen Prozesse aus, die einem Generalangriff auf seine Organe gleichkommen.

Der doppelte Abwehrkampf im Patienten unterbleibt nur beim Gewebeaustausch unter eineiigen Zwillingen. Für jeden anderen Fall gilt: Je stärker sich die Zellen von Spender und Empfänger in ihrem Gewebeaufbau unterscheiden, je stärker also die Abweichungen in den sogenannten Antigenen der Zellwände, desto stärkere Unverträglichkeitsreaktionen sind zu erwarten. Schon bei weitgehender Übereinstimmung in der Antigenstruktur können nur Medikamente wie das Cyclosporin A die lebensbedrohlichen Abwehrreaktionen verhindern oder wenigstens abschwächen. Je stärker aber Immunprozesse unterdrückt werden müssen, desto weniger kann sich der Körper des Patienten gegen allgegenwärtige Fremdantigene von Bakterien, Viren oder Pilzen zur Wehr setzen. Der Auswahl des Spenders kommt somit größte Bedeutung zu. Und weil selbst unter Geschwistern oder zwischen Eltern und Kindern die Übereinstimmung bestenfalls in jedem vierten Fall ausreichend hoch ist, muß eine Übertragung von Blutstammzellen bisher auf ausgesuchte Patienten beschränkt bleiben.