Wie sich die "Internationale Bauausstellung Berlin 1987" 1986 in Frankfurt vorwegnimmt

Gar mancher, so redete einst der berühmte Hamburger Oberbaudirektor und Professor Fritz Schumacher seinen Adepten ins Gewissen, sei schon an der Unfähigkeit, seinen künstlerischen Darstellungstrieb zu zügeln, als Architekt zugrundegegangen. "Die Phantasien der Papierkunst haben ihm den Sinn für das Abwägen der Wirklichkeiten genommen." Architektur nämlich ist eine Gebrauchskunst, auch wenn ihre Qualität nicht wenig von ihrer Gestalt, von dem Bilde abhängt, das sie den Augen darbietet.

Es ist nun aber so, daß der dafür erforderliche praktische Sinn, dessen Inhalt laut Schumacher "zwischen den Tugenden einer guten Hausfrau und den Tugenden eines guten Regisseurs" schwankt, für Architekten unerläßlich ist – aber überhaupt kein Ansehen genießt. Und so merkt man neueren Architektur-Ausstellungen eine bildungsstolze Angst vor dem Gewöhnlichen an, einen verhängnisvollen Zug zum Kryptischen, die hochnäsige Verachtung selbst von elementaren, unumgänglichen, zum wirklichen Verständnis notwendigen Informationen. Endlich, glaubt man die Veranstalter rufen zu hören, endlich frei von den Bindungen der Funktionen, frei von den hinderlichen Forderungen von Bauherren, Bürgern, Politikern, Geldgebern, Gesetzeshütern, die das Künstlerische im Architekten dauernd stören.

Wer sich jetzt (bis zum 30. November) im Deutschen Architekturmuseum zu Frankfurt am Main die "Beispiele einer neuen Architektur" betrachtet, die dort unter dem Rubrum der seit vielen Jahren vorbereiteten, nun für nächstes Jahr angesagten "Internationalen Bauaustellung Berlin" ausgestellt sind, macht die wunderliche Erfahrung: daß nur sein Auge, nicht aber sein Verstand, sein Schönheits-, aber nicht sein praktischer Sinn gefragt ist. Sehen soll er, nicht dämliche Fragen stellen. Das Wort Information ist hier eine wüste Injurie. Hier geht es um die Architektur als schöne Kunst.

Die Angst, sich mit Erläuterungen dem wißbegierigen gemeinen Volk gemein zu machen, ist enorm. Dem ästhetischen Diktat, das Josef Paul Kleihues, der Verantwortliche für den Neubau-Teil der IBA, hier so unerbittlich durchgesetzt hat, mußte sich absurderweise auch die IBA-Abteilung seines Kollegen Hardt-Waltherr Hämer unterwerfen, die sich mit Engelsgeduld (und erfolgreich) um die Stadterneuerung in Berlin-Kreuzberg kümmert; das Museum hat sie ohnehin nur am Katzentisch geduldet, in einem lächerlichen Eckchen.

Nun könnte man sich darüber lustig machen und sich wundern, welcher feierlichen Betrachtungsweise Entwürfe der unmittelbaren, erst im Entstehen begriffenen Gegenwart empfohlen werden: um etwasvermeintlich "Tieferen" und einer angeblich "eigentlichen Objektkritik willen" der Wirklichkeit entrückt. Wie aber soll man Objekte kritisieren, also beurteilen, wenn sie zusammenhanglos, willkürlich, sogar in lückenhaftem und nicht präzisiertem Zustand präsentiert werden? Sieht man denn da wirklich ein "Wohn- und Geschäftshaus an der Wilhelm-Ecke Kochstraße", teils in dünner Esoterik gezeichnet, teils mit neuwilden Pinselstrichen auf dunkelrot gemalte Pappe geworfen? Architektur? Ach, ein Gemälde! Und ringsum: fein kolorierte, hübsch gestrichelte Zeichnungen, Modelle, mehr: in Bronze gegossene Skulpturen, und auch ein Relief unter Glas. Lauter bildende Baukunst, und mit einer ziemlich rabiaten Subjektivität ausgewählt.

Natürlich erfährt man da nicht genau: wo ein Gebäude steht, ob es steht und in welcher Version; ob es erst entsteht, ob es überhaupt entstehen wird (oder warum nicht); welcher Umgebung es ausgesetzt ist, wie und ob es damit korrespondiert; Straßen haben in Plänen keine Namen, man wird mit lückenhaften Grundrissen abgespeist, sofern sie überhaupt vorhanden sind – sie stören die bei art sowieso.