Von Robert Leicht

Sturm und Windstille zugleich – eine weißblaue Dialektik: Die Bayernwahl hat Hoffnungen zerstört; aber eigentlich hat sich am vergangenen Sonntag wenig verändert. Die Auflösung dieses Rätsels erklärt, weshalb Franz Josef Strauß nur Blessuren erlitt, Johannes Rau aber demoralisiert wurde.

Zunächst der Sturmschaden: Er trifft vor allem die Sozialdemokraten. In Bayern hatten sie keine große Chance. Aber nun spürt jeder, daß sie auch in Bonn keine mehr besitzen. Rau steht mit seinem Anspruch auf eine eigene Mehrheit endgültig da wie die Jahrmarkts-Jungfrau ohne Unterleib – keiner glaubt es, jeder will sie sehen. Die SPD mit 27,5 Prozent auf ihrem schlechtesten Stand seit 1946 – niederschmetternder hätte die Sache nicht ausgehen können. Noch zwingt der Druck des Bundestagswahlkampfes die Sozialdemokraten zur Solidarität. Nach dem 25. Januar 1987 beginnt vermutlich eine fürchterliche Zerreißprobe: die lange verschleierte Auseinandersetzung zwischen den "Realos" und den "Fundis" in der SPD, zwischen den Gegnern und Anhängern einer rot-grünen Kooperation.

Diese Katastrophe des Kandidaten Rau verdeckt jetzt vieles, worüber sonst lange geredet würde: Franz Josef Strauß hat erneut abgebaut. Seitdem er als Ministerpräsident in Bayern regiert, verliert die CSU kontinuierlich, aus welchen Gründen auch immer – von 62,1 Prozent unter Alfons Goppel im Jahr 1974 auf heute 55,8 Prozent, Die FDP ist erneut an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert, sie liegt nur knapp vor den obskuren "Republikanern". Bei den Grünen überrascht weniger ihr Einzug in den Landtag als vielmehr ihre Stärke: gleich 7,5 Prozent.

Dies alles aber bei politischer Windstille: Nach "Lagern" betrachtet, hat sich nämlich am Sonntag praktisch nichts getan. Zählt man auf der einen Seite die CSU und die Republikaner, wie es sich gehört, zusammen, auf der anderen die SPD und die Grünen, so ergibt sich folgender Vergleich zwischen "konservativem" und "progressivem" Lager – die stagnierende FDP dabei als verlorenes Weltkind in der Mitten: 1982 ein Kräfteverhältnis von 58,3 zu 36,5 Prozent, im Jahr 1986 von 58,8 zu 35. Diese Verschiebung ist wirklich nicht derRede wert. Freilich, gerade in dieser Erstarrung der politisehenFrontensysteme liegt das Desaster der Sozialdemokratenbegründet, sowohl in Bayern als auch im Bund. Obwohl eine "eigene Mehrheit"voraussetzt, daß die SPD im Süden der Republik um ein Drittel zulegt, und selbst die relative Mehrheit im Bundestag nur möglich wäre, wenn sie auf der "Südschiene" mindestens gut über 30 Prozent steigt, kam es am Sonntag ganz anders: Sie gab am Sonntag an die Grünen ab, ohne sich im bürgerlichen Lager für diese Verluste auch nur zum Teil entschädigen zu können. Der Ausbruch aus dem Lager ist auf der ganzen Linie gescheitert. Doch dies war – und bleibt zwangsläufig – Raus Strategie: In der Mitte sei mehr zu holen als links, hier mehr zu gewinnen, als dort zu verlieren. Raus Dilemma: Das stimmt im Prinzip, funktioniert aber – zu oft – nicht in der Praxis. Dafür gibt es von Fall zu Fall unterschiedliche Gründe.

In Bayern hat die SPD seit langem die für Volksparteien lebenswichtige Motivationsschwelle unterschritten. Derart deklassierte Volksparteien lassen sich kaum noch einmal in Schwung bringen – das zeigt sich für die SPD in Baden-Württemberg und Bayern, für die CDU in Bremen und Hamburg: Jene politischen Genies, die ein solches Blatt nach vielen Jahren wenden könnten, finden – so überhaupt vorhanden – woanders aussichtsreichere Jobs.

Im übrigen: Eben weil die Lager so erstarrt waren, haben am Sonntag die CSU und die SPD unter wenigstens im Prinzip ähnlichen Problemen gelitten. Wo sich nämlich erkennbar nichts Entscheidendes bewegt, wandert der enttäuschte Teil des jeweiligen Wählerpotentials in die Wahlenthaltung oder zur "fundamentalistischen" Variante seiner Volkspartei, von der CSU also zu den neuen "Republikanern", von der SPD zu den Grünen.