„Barock, Geschichte und Kultur gibt unserem Lande Glanz. Alb, Schwarzwald und der Odenwald, Franken und Hohenloher Land, gemeinsam stolz auf dieses Land, Baden-Württemberg unser Heimatland.“

Eine Strophe der neuen Hymne

Freiburg

Schwäbische CDU-Politiker und Landeshonorationen hatten die Idee: Baden-Württemberg braucht unbedingt ein eigenes Gesamt-Lied. Das gute alte Badener-Lied, ehemals Leitmusik der Alt-Badener Separatisten, und das Schwabenlied über den Grafen Eberhardt, sie reichten ihnen nicht. Ein Baden-Schwaben-Lied mußte her. Haben doch auch die Bayern, die Hessen, die Niedersachsen eine Landeshymne. Die Redaktion des südweststaatlichen Landesfernsehen, angesiedelt im Südfunk Stuttgart, bemächtigte sich des Themas. Am 19. Januar 1985 riefen Honoratioren und Fernsehleute „das Volk“ zum Komponieren auf. Das musikfreudige Völkchen dichtete und musizierte denn auch wie wild. 450 Hymnenvorschläge gingen ein. Man wollte ganz demokratisch sein: das Landeslied sollte nicht „von oben verordnet“, sondern vom Volk geschaffen und auch vom Volk erkoren werden.

So wählten die Fernsehleute erst mal die 320 läppischsten Titel ab. Mit den 130 favorisierten Entwürfen befaßten sich die Musikhochschüler des Landes. Musikprofessor Schäfer aus Heidelberg: „Wir haben sowohl den sprachlichen Sektor unter die Lupe genommen als den sprachlichen.“ Acht hymnische Vorschläge, mit jeweils zwei befriedigenden Sektoren blieben übrig. Die wurden an einem Sonntagnachmittag im Landesfernsehen über 90 Minuten vorgestellt, gesungen und gespielt von einem Laienchor und einer Berufsbläserkapelle – alle von denselben Musikern.

Die Schwäbin Sigi Harreis moderierte diesen Lieder-Schluß-Spurt vor pinkfarbenem Hintergrund in Baden-Baden. Blau und türkis gewandete Damen und dunkel bezogene Herren sangen die acht Lieder unter rotgelben, morgenländisch anmutenden Rundbögen. Sie sangen „Land der Donau, des Neckars und des Rheins“, „Vom Schwarzwald her zum Bodensee“, dann „Von der hier bis zum Odenwald“, dann wieder „Vom Spessart bis zum Bodensee“ und: „Es glänzt der Rhein im Sonnenschein“. Die Melodien waren ebenso. Volkstümlicher Neubarock. Beim dritten Lied fand der Fernsehzuschauer keine Unterscheidbarkeit mehr.

Die repräsentativ Eingeladenen im Sendesaal, repräsentativ für die lauten Schwaben und die stillen Badener, warfen fünf Titel aus dem Rennen. Drei blieben übrig, und über die durften jene SS-Zuschauer entscheiden, die an dem herrlichen Sonntagnachmittag zu Hause am Fernsehen hingen. 53,9 Prozent kürten das Liedchen des Schwaben, Bankkaufmanns undMusikliebhabers Josef Weiß aus Murr an der Murr zum ersehnten „Baden-Württemberg-Lied“. Es wurde bezeichnenderweise schlicht deshalb gewählt, weil es das letzte Lied war und noch in den Ohren hing.