Chomeinis Regime braucht keine Opposition zu fürchten

Von Andreas Kohlschütter

Teheran, im Oktober

Krieg, Krieg, bis zum Sieg – auch wenn es 20 Jahre dauert.“ Wie Peitschenhiebe läßt der Front-Mullah seine hitzigen Worte auf die in der bunkerartigen Moschee versammelten Stabsangehörigen einer iranischen Armeeinheit niedergehen. Das Abendgebet wird zur wütenden Anklage gegen den „ungläubigen“ Saddam Hussein und das „gottlose“ irakische Baath-Regime, zur Strafpredigt gegen die „reaktionären Regierungen in Kuwait und Saudi-Arabien“, gegen König Fahd und Präsident Mubarak, diese „Marionetten der Supermächte“. Der Mullah beschwört: „Der Märtyrertod schmeckt uns süß wie Honig.“ „Gott erhalte uns Chomeini bis zur Wiederkehr des Mahdis (Erlösers)“, erbitten Soldaten und Offiziere im Chor. Und auf einem Poster an der Wand segnet der ferne Ajatollah im Faltenrock, ausnahmsweise milde lächelnd, seine Gefolgschaft.

Nach den erbitterten Nacht- und Nahkämpfen der vergangenen Tage herrscht hier, im Mittelabschnitt der über 1000 Kilometer langen Golfkriegsfront, wieder bleierne Ruhe. Brütende Hitze liegt über den wilden Schluchten und zerklüfteten Gebirgswüste an der iranisch-irakischen Grenze bei Mehran. Dieser kleine Marktflecken, 150 Kilometer Luftlinie von Bagdad entfernt, am Rande der Tigris-Ebene gelegen, wurde im September 1980 von den angreifenden Irakern besetzt. Im Sommer 1982 fiel Mehran an die Iraner zurück, im Mai 1986 wurde es erneut von den Irakern erobert, Anfang Juli ein weiteres Mal von den Iranern eingenommen. Inzwischen steht kein Haus mehr, Mehran ist für die Zivilbevölkerung unbewohnbar geworden, ein trostloses Trümmermonument für die Absurdität dieses seit sechs Jahren dauernden Krieges.

Die „strategische Höhe 270“ auf irakischem Territorium gehört zu den Hügelpositiönen rund um Mehran, die kürzlich, laut Radio Teheran, „vom Mist der ungläubigen Baathisten gesäubert“ wurde. Wie üblich griffen die Iraner im Schutz der Dunkelheit an und überraschten die auf dem Höhenzug eingegrabene irakische Brigade „im Schlaf und in Unterhosen“. So beschreibt es der den Handstreich kommandierende Oberst Bahman Shahidi: „Die Iraker wollten Mehran als Faustpfand benützen, um uns zur Rückgabe des Ölhafens Fao im Schatt al Arab zu zwingen. Aber jetzt, wo wir die Höhe 270 beherrschen, können sie uns diese Stadt nie mehr entreißen.“

Der öde Hügel 270 erinnert an Bilder aus dem Ersten Weltkrieg. Verkohlte, von Granateinschlägen umgepflügte Erde, aufgerissene Stacheldrahtverhaue, in denen noch nicht entschärfte Minen hängen. Überall Zeugen der irakischen Flucht und Niederlage: Berge zurückgelassener MG-Munition und Handgranaten, Kisten voller Panzerfäuste, Helme, Gasmasken, Pullover, Stiefel. Bunker und in den steinigen Boden gehauene Schützengräben, aus denen bisher in Richtung Iran gefeuert wurde, fortan in Richtung Irak geschossen wird: ein Stück Mondlandschaft, um das mit blutigem Einsatz gekämpft wird.