Von Rolf Zundel

Als sich die Direktorenrunde am Montagmorgen im Bismarck-Zimmer des Auswärtigen Amtes traf, blieb ein Stuhl leer. Ein Blumenstrauß lag darauf. Dort, gegenüber dem Staatssekretär, war der Platz Gerold von Braunmühls, und er hat in der Regel als erster vorgetragen, nicht nur weil er der wichtigste Abteilungsleiter war, der politische Direktor und ein Vertrauter Genschers. Seine Meinung hatte Gewicht. An diesem Montag, nach der Enttäuschung über Reykjavik, als sich Bonn über die Konsequenzen des Gipfeltreffens klarzuwerden versuchte, war sein Fehlen sehr spürbar.

Einige der letzten Dokumente, die Braunmühl mitformuliert hatte, galten dem Gipfel: Der Brief des Kanzlers an Reagan – er wurde im Krankenzimmer Genschers besprochen – und die Erklärung des Außenministers am Vorabend von Reykjavik. "Augenmaßund Sinn für das Mögliche müssen sich jetzt bewähren", heißt es darin. "Niemand ist stärker interessiert als die Deutschen, die in der Mitte des geteilten Kontinents leben, daß endlich die Rüstungsschraube zurückgedreht wird und daß Interessenausgleich und sinnvolle Kooperation mit Blick auf gemeinsame Zukunftsaufgaben – auch bei fortbestehenden grundsätzlichen Unterschieden der Wertordnungen – die Zukunft des West-Ost-Verhältnisses bestimmen."

Es sind Sätze ohne Glanz, aber sie beschreiben genau, wofür Braunmühl gelebt hat – und wofür er wahrscheinlich ermordet wurde. In der sinistren Logik der Terroristen gehörte er, wie sein Minister, zu den eigentlich Gefährlichen; in ihrer Sprache machte er das "repressive System" anpassungsfähig. In unseren Worten: Er hat dafür gearbeitet, Friedensbedingungen zu erhalten, die Voraussetzung sind für die Handlungsfähigkeit deutscher Politik im besonderen und seit der atomaren Drohung für Politik überhaupt. Wenn dies – neben dem Umstand, daß er, ohne Personenschutz, ein relativ leichtes Ziel darstellte – ein Tatmotiv war, so haben die Terroristen genau "selektiert": einen der besten und wichtigsten Beamten des Auswärtigen Dienstes.

Braunmühl hat eine steile Karriere hinter sich gebracht, viele überflügelt, das Amt des Staatssekretärs war nur noch eine Frage der Zeit, aber er hat auf seinem Weg erstaunlich wenige Neider hinterlassen. Die Tuscheleien, die manchem Spitzenbeamten auf der Karriereleiter gefolgt sind, Bemerkungen über das Talent, sich in Szene zu setzen, dem Minister gefällig zu sein oder von einer Partei protegiert zu werden – an ihn haben sie sich nie geheftet. Öffentliche Vorträge hat er kaum gehalten; es gibt nur wenige Aufsätze von ihm; was er zu sagen hatte, ging in die Politik des Amtes ein, nicht selten im Namensartikel des Ministers. Wie es einer seiner Freunde ausdrückte: "Er stand – bescheiden und gerade."

Wahr ist, er war Vertrauter des Ministers, vielleicht sein engster, einig mit ihm in den Grundüberzeugungen, sicherlich auch beeindruckt von der politischen Witterung Genschers, doch er blieb ein unabhängiger Kopf, kühl, abgewogen, präzis, ein aufmerksamer note-taker in vielen Unterredungen, die Genscher mit Shultz, Schewardnadse und anderen Außenministern geführt hat. Wer, ihn je im Gespräch erlebt hat, etwa in seinem makellos aufgeräumten Arbeitszimmer, war beeindruckt von seiner analytischen Klarheit und seiner ordnenden Gedankenkraft: ein schlanker, hochgewachsener Mann, der leise sprach, sich manchmal ein Lächeln erlaubte, das in den Augen begann und das Gesicht jungenhaft erhellte; ein Mann selbstbewußter Kompetenz, der großer Worte nicht bedurfte.

Er nahm sich, bemessen freilich, Zeit zuzuhören; ihm ging es nicht um das Belehren, er wollte erklären, klären – auch für sich selbst. Mit ihm über etwas anderes zu reden als über Außenpolitik, gruppiert um das Zentralthema der Ost-West-Beziehungen, kam einem allerdings nicht in den Sinn. Dies war seine Passion, dafür war er ehrgeizig, auch durchsetzungsfähig. Alles andere mußte zurückstehen.