Von Christoph Bertram

Nebel über der Wirklichkeit von Reykjavik: Obwohl sie beide eine Niederlage erlitten haben, tut jede Supermacht so, als lasse sich der Erfolg nun doch noch irgendwie auf ihre Seite zwingen. Präsident Reagan verkündet vollmundig, die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion seien einer Einigung näher "als je zuvor" – aber er selbst hat sie in letzter Minute vereitelt. Generalsekretär Gorbatschow feiert einen beachtlichen politischen Punktsieg – aber seinem Ziel, die Rüstungsausgaben einzudämmen, um die marode sowjetische Wirtschaft zu entlasten, ist er keinen Schritt nähergekommen. Und die Regierungen Westeuropas, voran die der Bundesrepublik, geben vor, alles sei noch im Lot, es gehe jetzt nur darum, die Konzessionen von Reykjavik auf dem Genfer Verhandlungstisch festzuschreiben.

Aber niemand sollte sich täuschen. Die Jahrhundert-Chance, mit einem großen Wurf das umfassendste Abrüstungspaket des Atomzeitalters ins Netz zu holen, ist vertan. Was schien da, am Wochenende in Island, nicht alles möglich: ein drastischer, fast völliger Abbau der Mittelstreckenwaffen ein radikales Zurückstutzen der Interkontinentalraketen, ein neues umfassendes Abrüstungsregime. Es war zu schön, um wahr zu sein. Das gab’s nur einmal, das kommt nie wieder.

Die Hauptschuld an dem Fiasko liegt bei Ronald Reagan. Gewiß, auch Michail Gorbatschow hat sich nicht ohne Fehl aufgeführt. Er hatte vor dem Treffen in Island der Welt vorgegaukelt, – die Sowjetunion sei zu einem separaten Abkommen über die Mittelstreckenwaffen bereit; nun hat er auch diese Vereinbarung von einem amerikanischen Einlenken bei der Weltraumrüstung abhängig gemacht. Gorbatschow setzte in Reykjavik alles auf eine Karte: Er wollte mit großzügigen Angeboten bei den Offensivwaffen den Präsidenten umstimmen. Aber die Karte stach nicht.

Als Reagan am späten Sonntagnachmittag, gereizt und müde, die Mappe vor seinem Platz zuschlug und erklärte, bei SDI sei nichts zu machen, da hatte der Generalsekretär keine Alternative parat. Jetzt werden die Falken im Kreml, denen die einfallsreichen Initiativen ihres dynamischen Bosses längst Unbehagen bereiteten, erst recht darauf bestehen, daß ihre schönen, glänzenden Atomwaffen nur verschrottet werden, wenn Amerika formell bei der Weltraumrüstung einlenkt. Der Generalsekretär hat, weil er zuviel wagte, nun an Beweglichkeit eingebüßt.

Aber das entscheidende, historische Versäumnis liegt bei dem amerikanischen Präsidenten. Er hatte die Chance, als großer Staatsmann in die Geschichte einzugehen; nun steht er da, wie viele seiner Kritiker ihn stets sahen, auch wenn seine lange Glückssträhne sie gelegentlich an ihrem Urteil zweifeln ließ: Als Provinzpolitiker, dessen simple Rezepte für die Verwaltung des Staates Kalifornien taugen mögen, nicht aber für die Führung einer Supermacht und des westlichen Bündnisses. Weil er von der schlichten Idee der Raketenabwehr im Weltall – die, hokuspokus, die Menschheit von der Drohung atomarer Waffen befreien soll – nicht lassen mochte, scheiterte der große Deal von Reykjavik.

Überraschen könnte dies allerdings nur jene, die den Worten Reagans in der Vergangenheit keinen Glauben schenken mochten. Reagan, so sahen es viele Wunschdenker in Europa, Amerika, aber auch im Kreml, sei nun einmal ein gewiefter Pragmatiker, der schon zur rechten Zeit die Ernte einfahren und so als großer Friedenspräsident in die Geschichte eingehen werde. Gepriesen wurde, daß er mit SDI "die Sowjets an den Verhandlungstisch" zurückgebracht habe; jetzt aber steht er da, "mit leeren Händen und leeren Taschen", wie Gorbatschow in seiner Pressekonferenz klagte, und hat nicht die Sowjets, sondern jene geblufft, die ihm Staatskunst zutrauten. Als die Stunde der Wahrheit schlug, war der Staatsmann Reagan nicht zur Stelle.