Schon melden sich die Beschwichtiger: Der Präsident habe eben seine rechte Gefolgschaft nicht vor den Kopf stoßen können, niemand dürfe dies drei Wochen vor den Kongreßwahlen erwarten. Und Michail Gorbatschow sah Reagan gar in den Fängen des "militärisch-industriellen Komplexes". Wie denn: Ausgerechnet den populärsten und medienmächtigsten Präsidenten Amerikas sollten die konservativen Kommunistenfresser in die Ecke gedrängt haben, obwohl dieser doch mit einem Riesenerfolg aus Island hätte heimkehren können?

Wenn der Präsident dies nur gewollt hätte, an Unterstützung im ganzen Land hätte es ihm nicht gefehlt – übrigens auch nicht von Seiten der Militärs, die längst mit gemischten Gefühlen verfolgen, wie das aufwendige SDI-Projekt die begrenzten Mittel der Forschung und Entwicklung im Rüstungsbudget aufsaugt.

Reagan konnte, aber er wollte nicht – das ist die bittere Wahrheit. Schon 1983, kurz nach seiner berühmten Star-Wars-Rede, hatte einer seiner engsten Mitarbeiter erklärt: "Das kam aus dem Herzen." Und wer es immer noch nicht glauben mochte, der konnte es in der Nacht zum vergangenen Dienstag aus Reagans eigenem Munde hören, als er zur Rechtfertigung des isländischen Fehlschlages das Hohelied von SDI anstimmte: Das sei "Amerikas Lebensversicherung", der "Schlüssel zu einer Welt ohne Atomwaffen", eine "Garantie für unsere Sicherheit". Alles andere mußte dann eben zurücktreten – eine Abrüstungseinigung, die Reagan fast alles gewährt hätte, was er je erhofft hatte, aber auch die Rücksicht auf die Verbündeten, die in Reykjavik zumindest eine Begrenzung der Mittelstreckenwaffen erwartet hatten.

Wenig spricht dafür, daß es noch vor Reagans Abschied aus dem Weißen Haus einen neuen Anlauf geben kann. Zwar reden die Europäer sich Mut ein: Haben nicht Gorbatschow und Reagan übereinstimmend betont, der Dialog gehe weiter? Die Vorschläge, so heißt es trotzig-optimistisch, lägen nun auf dem Genfer Verhandlungstisch. Sollen nun die weisungsabhängigen Unterhändler den Karren, wieder flottmachen?

Das könnte ihnen allenfalls dann gelingen, wenn der Präsident sein "No" von Reykjavik abschwächt. Darauf zu hoffen, gibt, es jedoch wenig Grund. Selbst wenn die Sowjets einen Propagandasieg verbuchen, selbst wenn die amerikanischen Wahlen Reagan schwächen sollten und selbst wenn die europäischen Regierungen, die bisher auf die Lieblingsidee des alten Mannes im Weißen Haus so verständnisvoll Rücksicht nahmen, nun von ihm Rücksicht auf ihre Interessen fordern sollten – dieser Präsident wird sein Herz nicht mehr über die Hürde werfen. Ronald Reagan ist ganz und gar auf SDI festgelegt.

Deswegen kann die Hoffnung auf Vernunft sich nicht an dem Zweckoptimismus emporranken, der nun im Westen aufgetragen wird. Sie muß sich vielmehr an Verläßlicheres halten: an die Tatsache, daß die Technik nicht allen Visionen Reagans unbegrenzt zu Diensten steht, und an den Umstand, daß nicht nur die rückständige Sowjetunion, sondern auch das reiche Amerika an finanzielle Schranken stößt. Reagans Weltraumpläne, soviel ist gewiß, werden nicht in den Himmel wachsen.

Die entscheidende Frage für die Zukunft ist daher: Wird Michail Gorbatschow, wenn auch die Sowjets dies eines Tages erkannt haben, noch zu den Angeboten stehen können, die er in Reykjavik so verführerisch ausgebreitet hat? Die Chance von Island kommt nicht wieder. Aber jenseits aller Hoffnungen und Enttäuschungen drängen die Realitäten beide Weltmächte zum Innehalten im Wettrüsten. Wenn Reagans Zeit vorbei ist, können die Realisten vielleicht noch einiges von dem bergen, was in Reykjavik so unnötig verschüttet wurde.