Von Werner Schmalenbach

Wie wäre es, wenn einer daherkäme und den deutschen Museen den Vorwurf machte, sie hätten die malerischen Erzeugnisse von Adolf Hitler totgeschwiegen? Schließlich waren diese künstlerischen Armseligkeiten nicht einmal Nazikunst. Sie waren bloß belanglos. Es gab auch viele andere Belanglosigkeiten in der NS-Zeit. Werden sie totgeschwiegen? Belanglosigkeiten gab es auch in anderen Ländern und zu anderen Zeiten. Werden die totgeschwiegen? Sie werden von den Museen übergangen, und dies zu Recht.

Was also haben die deutschen Museen totgeschwiegen? Wirklich, wie gesagt wird, die deutsche Kunst der dreißiger Jahre? Das doch wohl kaum! Denn im Gegenteil: genau dasjenige, was – nicht heute, aber damals – totgeschwiegen und schlimmer noch: totgeschlagen wurde, gerade das hängt längst in den nun plötzlich in den Anklagestand erhobenen Museen landauf, landab. Offenkundig bezieht sich der Anwurf, gestützt auf eine eher zeitgeschichtlich als künstlerisch relevante Figur wie Arno Breker, auf Kunst, die in der braunen Vorzeit nicht die Ehre hatte, verfolgt zu werden. Daß dies nicht alles „Nazikunst“ war, versteht sich. Es gab vieles, das weder dem Regime noch irgend jemand anderem wehtat: harmlose Landschaften, harmlose Stilleben zum Beispiel. Sicher gab es da dann und wann bescheidene Qualitäten. Nur: soll man sie, muß man sie der Vergessenheit entreißen? Nicht die Frage nach der Schuld stellt sich, nur die Frage nach dem Schund. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand es unternimmt, die damals akzeptierte oder tolerierte Kunst nach übersehenen Qualitäten durchzukämmen. Der Ertrag wird gering sein.

Übrigens: auch die „andere Seite“ müßte man sich dann etwas genauer anschauen. Denn auch im Licht des Ehrentitels „Entartete Kunst“ gab es Fatales. Das zeigt sich, wenn man den einschlägigen Katalog von 1937 durchblättert. Was dort wertlos ist, ist zwar nicht „entartet“, aber es ist eben ohne Wert. Noch nie habe ich gehört, daß jemand sich empört hätte, diese Belanglosigkeiten würden von den Museen totgeschwiegen. Zwar meine ich nicht, daß hier ein dringender Nachholbedarf besteht, trotz des Ehrentitels. Aber wenn schon, dann hätte ich von der Forderung, sich aller dort angeprangerten Künstler zu erinnern, immerhin mehr gehalten als von der Forderung nach einer Rehabilitation derer, die mitliefen. Wie gesagt: ich spreche nicht einmal von „Nazikunst“, trotz des Dunstkreises von Arno Breker, in dem diese Diskussion entfacht wurde. In Parenthese ein Wort zu Alfred Hrdlicka. Sein Rundumschlag hat, obgleich pauschal an alle Museen adressiert, mich nicht getroffen. Der geschätzte Künstler hat von seiner Narrenfreiheit Gebrauch gemacht und den Mund reichlich vollgenommen; was er ja im übrigen auch als Bildhauer, Maler und Graphiker tut. Das Roß, auf dem er sitzt, ist höher als der Sockel, auf dem es steht.

Was soll nun geschehen? Soll man das „Haus der Kunst“ in der einstigen „Stadt der Bewegung“ seiner ursprünglichen Bestimmung zurückgeben und es auf den einstigen Namen „Haus der deutschen Kunst“ zurücktaufen? Dies könnte ein Vorschlag sein; hoffen wir, daß „der Bürger“ sich dann als so mündig erweist, wie man ihn euphemistisch zu nennen pflegt. Spaß beiseite: gegen temporäre Ausstellungen von „Kunst der dreißiger Jahre“ – auch in Museen – ist nichts einzuwenden. Man hat solche Ausstellungen ja gelegentlich schon veranstaltet und das ganze unsägliche Spießertum der in NS-Zeiten sei es gepriesenen, sei es geförderten, sei es geduldeten Kunst vorgeführt. Die Museen haben da kein Informations-Defizit zu beklagen. Ich meine: ein paar temporäre Ausstellungen sind, wenn es denn sein muß, immerhin vernünftiger als Museumskäufe. Schließlich kann und muß man ja nicht alles immer und ständig sehen; warum dann ausgerechnet das, was jetzt angemahnt wird? Und wie schon gesagt: sollte auf der ästhetischen Scholle von damals irgendwo ein verborgenes Blümchen geblüht haben, dann habe ich nichts dagegen, wenn jemand dieses Blümchen in einen musealen Blumentopf pflanzt. Dies aber kann die lautstarke Anmahnung wohl kaum gemeint haben.

Wenn man nun aber schon die Tabuisierung beklagt, und wenn gefordert wird, das behauptete Tabu endlich aufzuheben, dann allerdings soll dies gesagt sein (auch und nicht zuletzt im Hinblick auf Fassbinder in Frankfurt): das Ende der Befangenheit ist noch lange nicht gekommen! Befangenheit, nicht Unbefangenheit, ist zu fordern angesichts des Ausmaßes unserer geschichtlichen Last. Wer da meint, auf die Gnade der späten Geburt pochen zu dürfen, der verharmlost das, was die früher Geborenen durchgemacht oder mitgemacht haben, zum bloßen Pech der frühen Geburt. Ich rede nicht von Kollektivschuld. Theodor Heuss sprach von kollektiver Scham. Kollektive Befangenheit würde mir reichen.