Von Ludger Lütkehaus

Am 4. Februar 1936 erschießt der jüdische Medizinstudent und Rabbinersohn David Frankfurter in Davos den Leiter der Landesgruppe Schweiz der NSDAP, Wilhelm Gustloff. Es ist das erste Attentat auf einen Repräsentanten des "Dritten Reiches" im Ausland.

Im Dezember desselben Jahres, nach einem weltweit beachteten und umstrittenen Prozeß, wird Frankfurter vom Kantonsgericht Graubünden in Chur wegen vorsätzlich begangenen Mordes zu achtzehn Jahren Zuchthaus, lebenslänglicher Landesverweisung und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt.

Neun Jahre später schließlich, im Frühjahr 1945, wird Frankfurter wegen guter Führung, wegen seines unbescholtenen Vorlebens und der Unwahrscheinlichkeit eines Rückfalls vorzeitig auf dem Gnadenwege entlassen und wandert nach Palästina aus.

Drei Daten, hinter denen eine politisch eindeutige, psychisch indessen mehrdeutige Lebens- und Leidensgeschichte steht. Drei Daten aber auch, von denen der Schatten des "Dritten Reiches" und die Last der Verarbeitung auf scheinbar Neutrale und Unbeteiligte fällt. In den Gedanken zu seiner Verfilmung des Attentats in Davos unter dem Titel "Konfrontation" stellt der Schweizer Filmemacher Rolf Lyssy 1975 fest: "Der ‚Fall Frankfurter‘ transformiert sich zum ‚Fall Gustloff und darüber hinaus zum ‚Fall Schweiz‘." Die jetzt von Helmut Kreuzer herausgegebenen Texte zum Attentatsfall und zum Churer Prozeß geben zu der Befürchtung Anlaß, daß Lyssy recht haben könnte – auch wenn das selbstverständlich nicht von den eigentlich Verantwortlichen auf reichsdeutschem Boden ablenken darf.

Im Mittelpunkt des Bandes steht die Verteidigungsschrift des seinerzeit weltberühmten, heute weitgehend vergessenen erfolgreichen Schriftstellers Emil Ludwig. Sie erschien vor dem Prozeß viersprachig im Amsterdamer Emigranten-Verlag Querido, würde aber in der Schweiz zunächst verboten und erst 1945, um einen Epilog erweitert, wie der Attentäter freigegeben.

Ludwig deutet den Fall in der Verbindung psychologiscn-biographischer Darstellung und politisch-publizistischer Argumentation mit einer Schiller-Anspielung als "Mord aus verlorener Ehre", den kein persönliches Motiv bestimmt. Das "reine Gefühl des Unrechts", der leidenschaftliche Haß auf die NS-Judenverfolgung, insbesondere die Nürnberger Rassengesetzgebung, die persönlich erlebte Verhöhnung eines Rabbiner-Onkels durch einen Nazi und das Eindringen des Nazi-Geistes in die Schweiz sind nach Ludwig vielmehr ausschlaggebend dafür gewesen, daß hier ein neuer "David" einen neuen "Goliath" schlug. Diese biblische Erinnerung war zwar durchaus geeignet, dem sonst öfters gelähmten jüdischen Selbstbehauptungswillen bis hin zu den Kämpfen im Warschauer Getto ein historisch-mythisches Symbol zu geben. Die seelische Geschichte des Attentäters kam dabei freilich, erheblich zu kurz.