Von Gunter Hofmann

Bonn und Hasselbach, im Oktober

Ein Bericht aus zwei Welten, die doch zusammengehören: Die eine Welt, die der Politik, berappelt sich mühsam nach dem Scheitern von Reykjavik und sucht den Schaden zu begrenzen. Ist die Dialogpolitik endgültig zu Ende? Die andere Welt, die der Friedensbewegung, die weit mehr als 150 000 Menschen zu einer Kundgebung am Raketengelände im Hunsrück zusammengetrommelt hatte, hat den großen Durchbruch vom "Gipfel" erst gar nicht erwartet. Es ist die Welt der "Basis".

Noch sind die Folgen dieses dramatischen Wochenendes schwer abzuschätzen, aber es hat sich eine Menge verändert. Zuerst der Mord an Gerold von Braunmühl, einem Ost-West-Spezialisten und Dialogbefürworter. Dann die mächtige, auch schöne Kundgebung in Hasselbach, wo die Friedensbewegung dokumentiert hat, daß es sie durchaus noch gibt. Schließlich das Fiasko in Reykjavik.

Nach alldem wird Helmut Kohl in der kommenden Woche nicht mehr so nach Washington reisen können, wie er sich das ausgemalt hatte. Es wird kein Gespräch (und Phototermin) mit dem Präsidenten in rosaroten Zeiten, nach dem man sich die Feder für einen Gipfelerfolg demonstrativ an den Kanzler-Hut stecken kann. Kohl wird kaum anders wollen und können, als Ronald Reagan zu applaudieren. Aber das ist der Applaus für einen großen Mißerfolg.

In der Politiker-Welt, in Bonn also, werden hinter Optimismus- und Weiter-so-Parolen düstere Ahnungen darüber, welche Folgen der Fehlschlag haben könnte, nur mühsam verborgen. Einerseits will und muß der Kanzler ebenso wie sein Außenminister den Schaden begrenzen, was legitim ist. Beide werden sich auch noch darüber verständigen können, Washington nicht öffentlich zu kritisieren. Aber da endet andererseits die Gemeinsamkeit dann wohl auch, denn die Urteile gehen ja offenkundig weit auseinander, ob Reagan auf das "phantastische Angebot" (Auswärtiges Amt) aus Moskau nicht hätte eingehen und auf SDI verzichten müssen.

Fest steht jetzt schon: Außenpolitik wird wieder zum Thema, auch zum Wahlkampfthema. Fast hätte man sich daran gewöhnt, daß auch sie auf dem allgemeinen Niveau ’86 behandelt wird. In dieser Welt schien es während der letzten Monate fast nur noch um Fragen von der Qualität zu gehen, ob Hans-Dietrich Genscher auch 1987 Außenminister bleiben darf.