Mit der Furcht vor den Folgen des Reaktor-Unglücks in der Ukraine haben die meisten Bundesbürger ein neues Wort gelernt, Becquerel. Davon war im Frühjahr 1979, nach dem Störfall in Three-Mile-Island, nicht die Rede gewesen. Damals wurden wir mit Rem und Curie vertraut gemacht. Inzwischen waren wieder einmal Ausschüsse am Werk gewesen, die uns von Zeit zu Zeit neue Maßeinheiten verordnen, das Joule für die uns vertraute Kalorie, Watt für PS – und eben jetzt Becquerel für das schon dreimal geänderte Curie. Zudem schafften die Normenbeamten das Rem ab, um es mit einem Maß zu ersetzen, dessen Name neue Verwirrung stiften wird: Sievert. Dies nämlich ist eine veraltete Einheit für Röntgen-Strahlungsdosen und steht so in unzähligen Lehrbüchern. Die neue Bedeutung ist aber völlig anderer Natur.

Das Becquerel (Bq) gibt an, wie viele Atomkerne eines radioaktiven Materials innerhalb einer Sekunde zerfallen. Bei diesem Zerfall werden Elementarteilchen frei, die als radioaktiver Strahl durch den Raum fliegen und dort, wo sie auf Materie treffen, Veränderungen hervorrufen. Diese können dramatische Folgen haben, wenn so ein Teilchengeschoß zum Beispiel den Kern einer lebenden Zelle trifft. Er mag zum Keim einer Krebsgeschwulst oder eines mißgebildeten Wesens werden.

Das Becquerel gibt mithin indirekt an, wieviel dieser gefährlichen Geschosse pro Zeiteinheit von einer gegebenen Menge radioaktiven Materials abgefeuert werden. Die Umrechnung in die bisherige Aktivitätseinheit Curie (neuer Definition): Becquerel mal 3,7x10 hoch 10.

Das Strahlungsmaß allein sagt aber noch wenig über die biologische Wirkung aus; denn die Teilchengeschosse haben unterschiedliche Kaliber. Beim Kernzerfall radioaktiver Substanzen werden drei Sorten Teilchen frei, Alpha-, Beta- und Gammateilchen.

Alphateilchen sind die biologisch aktivsten, Beta- und Gammateilchen haben etwa die gleiche Wirkung. Um diesen Unterschieden Rechnung zu tragen, wird das Maß der Energie, die von den Teilchen in den Organismus gebracht wird, mit einem „Qualitätsfaktor“ multipliziert, der für Gamma- und Betastrahlung den Zahlenwert 1 und für die Alphastrahlung mit 20 angesetzt wird. Dieses Produkt ergibt die „Äquivalenzdosis“ in Sievert (Sv). Ein Sievert ist 1 Joule vom Organismus aufgenommene Energie pro Kilogramm Körpergewicht malgenommen mit dem Qualitätsfaktor. Mit dem bekannteren Rem ist das Sievert auf einfache Weise verbunden: Ein Sievert entspricht 100 Rem.

Auf die wichtigste Frage, wieviel Sievert oder Rem ein Mensch unbeschadet ertragen kann, weiß die Wissenschaft keine verbindliche Antwort. Wie soll sie auch? Experimentell können solche Grenzwerte an Menschen nicht ermittelt werden. Ergebnisse aus Tierversuchen sind aber nur bedingt brauchbar. Versuchstiere leben nicht lange genug, um nach Bestrahlung einen Tumor zu entwickeln es sei denn, die Strahlungsdosis ist extrem hoch und damit für eine realistische Abschätzung der Wirkung auf den Menschen untauglich. Auskunft hätten die Spätfolgen der gräßlichen A-Bomben-Explosionen in Hiroshima und Nagasaki geben können. Aber die Wirren nach den Katastrophen und der Mangel an Krankheitsregistern haben eine brauchbare Datenbasis für eilte auch nur annähernd verläßliche Statistik unmöglich gemacht. Die vieldiskutierten Strahlungs-Grenzwerte sind deshalb, auch wenn sie von Wissenschaftlern stammen, allenfalls über den Daumen gepeilte Schätzungen. Kein Wunder, daß sie nach Tschernobyl soviel Verwirrung gestiftet haben. Thomas v. Randow