Alles was Georg Büchner unternahm, tat er aus Leidenschaft und gab vor, er tue es um Geld zu verdienen, was er auch verdienen mußte, da er sich seit 1835 darauf vorbereitete, in die Schweiz zu emigrieren. Zwar schrieb er 1836 aus seinem Straßburger Exil an Gutzkow, der in Mannheim eine dreimonatige Gefängnisstrafe einen Monat lang hatte absitzen müssen wegen verächtlicher Darstellung des Glaubens der christlichen Glaubensgemeinschaften, er sitze auch im Gefängnis und im langweiligsten unter der Sonne, er habe eine Abhandlung geschrieben in die Länge, Breite und Tiefe, Tag und Nacht über der ekelhaften Geschichte, er begreife nicht, woher er die Geduld hergenommen, er habe nämlich die fixe Idee, im nächsten Semester in Zürich einen Kurs über die Entwicklung der deutschen Philosophie seit Cartesius zu lesen; dazu müsse er sein Diplom haben und die Leute schienen gar nicht geneigt, seinem lieben Sohn Danton den Doktormit aufzusetzen. Was sei da zu machen gewesen?

Doch scheint die Abhandlung, auf die Büchner in seinem Brief an Gutzkow anspielt, jene über Cartesius, wie sich Descartes latinisierte, und Spinoza, die beide versuchten, vermittels einer mathematischen Methode streng rationalistisch Metaphysik zu treiben, nicht nur unter dem Aspekt wichtig, die auf sie folgende deutsche Philosophie darzustellen, die Beschäftigung mit der englischen wäre als Vorbereitung ebenso notwendig gewesen.

Die Vermutung ist nicht ganz abzuweisen, er habe versucht, vermittels der beiden mit Leibnitz’ letzten radikalen Metaphysikern zu überprüfen, wie weit mit der Mathematik zu kommen sei. Zu Cartesius hatte er bemerkt, Gott sei es, der den Abgrund zwischen Denken und Erkennen, zwischen Subjekt und Objekt ausfülle, er sei die Brücke zwischen dem cogito ergo sunt, zwischen dem einsamen, irren, nur einem, dem Selbstbewußtsein, gewissen Denken und der Außenwelt.

Der Versuch sei etwas naiv ausgefallen, aber man sehe doch, wie instinktartig scharf schon Cartesius das Grab der Philosophie abgemessen habe; sonderbar sei es freilich, wie er den lieben Gott als Leiter gebraucht habe, um herauszukriechen, und zu Spinoza notierte er, der Spinozismus sei der Enthusiasmus der Mathematik, in ihm vollende und schließe sich die Cartesianische Methode der Demonstration, erst in ihm gelange sie zu ihrer völligen Konsequenz.

Die Metaphysik der beiden hatte Kant zertrümmert. Dessen „Kritik der reinen Vernunft“ war 1781 erschienen, sie lag Büchner zeitlich näher als uns Heideggers „Sein und Zeit“. Wichtiger als die Richtigkeit einer Philosophie sind ihre Folgen und ist die Möglichkeit, sie weiterzudenken. Kant trennte die Naturwissenschaften von der Philosophie. Er ging von einem Paradox aus. Er versuchte die Physik Newtons philosophisch zu beweisen, zu fragen, warum überhaupt eine mathematische Wissenschaft möglich sei. Er erklärte die Mathematik ausschließlich für die Erfahrung brauchbar und für diese die Metaphysik unbrauchbar. Er teilte die Welt in einen durch die Form unserer Vorstellung und die Kategorien unseres Denkens erfahrbaren physischen und in einen grundsätzlich jenseits jeder möglichen Erfahrung liegenden Bezirk ein, jener des Dings an sich, während die Fragen nach Gott, Seele, Freiheit, Unsterblichkeit unbeweisbar blieben.

Er könnte, schrieb er, Gott, Freiheit, Unsterblichkeit zum Behuf des notwendigen praktischen Gebrauchs der Vernunft nicht einmal annehmen, wenn er nicht der spekulativen Vernunft zugleich ihre Anmaßung überschwenglicher Einsichten benehme. Indem er der Philosophie die Berechtigung absprach, weiterhin Metaphysik zu treiben, verlor diese an Bedeutung, um so mehr als Kant die reine Vernunft unter das Primat der praktischen stellte. Das Sollen war ihm wichtiger als das Müssen, was durch die reine Vernunft nicht bewiesen werden kann, hatte die praktische zu postulieren, all die Erhabenheiten, Seele, Gott, Freiheit, doch was nur postuliert werden kann, muß nicht postuliert werden, das Radikal-Böse im Menschen zwingt diesen, will er sich der praktischen Vernunft unterwerfen, seinen Neigungen entgegen zu handeln, eine Ansicht Kants, die Goethe empörte.

Die „Kritik der praktischen Vernunft“ ist nicht nur eine Philosophie der von der Vernunft diktieiten Pflicht, der sich der mündige Mensch zu unterziehen hat, sondern vor allem eine des Als-ob, eine Philosophie der Fiktion, welche die Metaphysik durch ein System sittlicher Postulate ersetzte. Als sie 1788 erschien, begeisterte sie Schiller, der in ihr die Philosophie der Freiheit sah, aber empörte jene, die so taten, als ob sie glaubten, aber wollten, daß man glaube, daß sie glaubten, während jene, die glaubten, keinen Beweis für ihren Glauben brauchten, sie glaubten ohnehin, daß sie durch den Glauben die Wahrheit wüßten, die Philosophen indessen bemühten sich, die Probleme, die Kant aufgeworfen hatte, zu umgehen, weil sie diese nicht zu lösen vermochten: Das Resultat waren die Systeme des deutschen Idealismus. 1807, drei Jahre nach Kants Tod, schrieb Hegel „Die Phänomenologie des Geistes“, 1812 erschien seine „Logik“, 1814 starb Fichte, 1818 erschien Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung“. Hegel starb 1831. Schelling und Hölderlin überlebten Büchner als Gespenster. Feuerbach neun Jahre vor und Marx drei Jahre nach Büchner geboren, schrieben ihre Hauptwerke erst nach Büchners Tod.