Von Hannes Burger

Der eigentliche Jubeltag ist ja der 17. Oktober, aber da ist heutzutage das Fest schon vorbei. Am 17. Oktober 1810 wurde nämlich vom damals noch frischgebackenen König von Bayern huldvollst die Erlaubnis erteilt, anläßlich der Hochzeit von Kronprinz Ludwig mit der sächsischen Prinzessin Therese auf einer Wiese vor den Toren der Stadt München ein Pferderennen mit allgemeiner Volksbelustigung abzuhalten.

Damit war das Münchner Oktoberfest geboren. Die große Wiese vor der Schwanthaler Höhe, wo heute die kraftstrotzende Bavaria aus Erz steht, hieß fortan nach der königlichen Braut Theresienwiese; sie liegt heute im verkehrsreichen Zentrum der bayerischen Landeshauptstadt. Die Pferderennen hat man gleich nach der 800-Jahr-Feier Münchens 1958 bereits abgeschafft, womit die Rennpferde endgültig den Braurössern Platz gemacht haben.

Vor zwei Jahren haben wir Münchner noch (nach Abzug kriegsbedingter Ausfalljahre) das 150. Oktoberfest gefeiert, vor einem Jahr die 175. Wiederkehr der Wiesn-Gründung mit neuen Freß- und Saufrekorden bejubelt und den Besucherzustrom über die Marke von sieben Millionen gesteigert. (1983 noch 5,6 Millionen) Heuer, im 176. Jahr nach der Hochzeit des späteren Königs Ludwig I. macht sich erstmals in München eine gewisse Ernüchterung breit. Bei der Wiesn-Bilanz 1986 ist vom „bayerischen Nationalrausch“ ein leichter kommunalpolitischer Kater geblieben, der nicht allein auf die rund fünf Millionen Maß Bier zurückzuführen ist. In der geschwollenen Politikersprache könnte man es eine Strukturkrise nennen.

Die Sonne brachte es an den Tag, das Unbehagen über den schon perversen Rekordwahn, und in ihrer Vertretung der Sunny Boy der Münchner CSU: der junge Kreisverwaltungreferent Peter Gauweiler, von Amts wegen „für Sicherheit durch Recht und Ordnung“ auch auf der Wiesn zuständig. Während der weitgehende Ausfall amerikanischer Besucher und der meist nur alle zwei Jahre jeweils zum Zentral Landwirtschaftsfest anreisenden Bauern heuer insgesamt einen Besucher-Rückgang von rund sechs Prozent (auf 6,7 Millionen) und einen um 450 000 Liter leicht reduzierten Bierausstoß bewirkte, ließ die einzigartige Herbstsonne dieses Jahres eine Reihe von Tagesrekorden vor allem um die Wochenenden purzeln. Bis um die 700 000 Menschen wälzten sich zwischen den überfüllten Bierzelten und den diversen Fahrbetrieben, die von den Münchnern liebevoll-realistisch als „Kotzmaschinen“ oder „Magenschleudern“ bezeichnet werden.

Der Kreisverwaltungsreferent Gauweiler hatte sich bei Stadtratskollegen den Vorwurf der Profilierungssucht und des geradezu preußischen Reglementierungsdranges zugezogen, weil er das Stehen und Tanzen auf Tischen und Bänken im Bierzelt untersagt hatte – wenn auch ohne jeden Erfolg. Die mit ihm um die spätere Oberbürgermeister-Nachfolge konkurrierenden Münchner Lokalpolitiker konnten sich sofort ihrerseits profilieren, indem sie die Gemütlichkeit auf der Wiesn gegen polizeilich verordnete Maximal-Stimmung in Schutz nahmen. Manche befürchteten sogar, demnächst werde auf dem Oktoberfest auch noch per städtischer Auflage vorgeschrieben, wann an jedem Abend eine Gedenkminute zum Lachen eingelegt werden muß.

Aber andere Münchner sind wie ich der Meinung, daß die Gemütlichkeit schon seit Jahrzehnten beim Teufel und zum Lachen längst kein Grund mehr gegeben ist. Solche Eingeborenen werden von den Verantwortlichen für den Folklorekommerz nur als typische Münchner Grantier herzlich ignoriert, wenn nicht gleich selbst als ausgewachsene Räsonnierbäuche zum herzeigbaren Bestandteil des bayerischen Brauchtums erklärt.