Die RAF heute: Struktur, Strategie und Ziele

Von Matthias Naß, Hans Schueler und Roger de Weck

Vier Tage nach dem Mord an Gerold von Braunmühl fanden die Fahnder das Fluchtauto der beiden RAF-Mörder. Der rote Opel Kadett stand verlassen im Bonner Stadtteil Endenich. Auf dem Rücksitz lag noch die braune Aktentasche Gerold von Braunmühls. Einer der Terroristen hatte sie am vorigen Freitagabend an sich gerissen. Da lag der Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt, von drei Schüssen niedergestreckt, vor seinem Haus in Bonn-Ippendorf auf der Straße. Der zweite Attentäter schoß dem Diplomaten aus nächster Nähe eine Kugel in den Kopf. Mit einem der beiden Revolver, einer Smith & Wesson Kaliber 38, war vor neun Jahren Hanns-Martin Schleyer erschossen worden.

Wer die Mörder waren, dafür fehlten Mitte der Woche noch konkrete Hinweise. Die Fahnder kennen zwar den Kreis der potentiellen Attentäter. Aber wer aus dem Kommando der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) verübte den Mord von Ippendorf? „Wir haben nichts, aber auch gar nichts, um sagen zu können, diese oder jene Person war es“, trat die Bundesanwaltschaft Spekulationen entgegen. „Wir haben ein Ergreifungsdefizit“, räumen die Fahnder ein. „20 Leute tummeln sich zwischen 60 Millionen Einwohnern.“

Selbstbezichtigung

Die Bundesregierung dringt auf Erfolge. Im Kanzleramt herrschte Unmut, weil die Fahndung zu lasch angelaufen war: Die Mordkommission sei erst nach eineinhalb Stunden am Tatort gewesen; die Polizei habe erst nach einer Stunde die Ringfahndung nach den Terroristen ausgelöst – da waren sie schon über alle Berge. Und warum, so fragt die Regierungszentrale, sei die Bevölkerung erst am Sonntag, zwei Tage nach der Tat, um Mithilfe gebeten worden?

Den obligatorischen „Bekennerbrief“, geschrieben auf jener Schreibmaschine, auf der die Selbstbezichtigung zu den Morden an Pimental und Beckum getippt worden war, hinterließ die RAF gleich am Tatort. Tage, vermutlich schon Wochen vor dem Mord hatten die Terroristen ihren Exekutionsbeschluß samt Vollzugsmeldung formuliert. Weil damals der Zeitpunkt des Anschlages noch nicht feststand, blieb der Brief bis zur Tat undatiert. Erst am Tage des Mordes erhielt er den Datumsstempel: „Heute haben wir mit dem Kommando Ingrid Schubert den Geheimdiplomaten Braunmühl, Politischer Direktor im Außenministerium und eine der zentralen Figuren in der Formierung westeuropäischer Politik im imperialistischen Gesamtsystem, erschossen.“ Es folgen fünf eng. mit Schreibmaschine getippte Seiten eines stereotypen Rechtfertigungstextes, in deren Mitte das Opfer noch einmal namentlich erwähnt wird. Danach der Stempel: „10. 10. 1986.“