Generalbundesanwalt Rebmann fragte sich noch zwei Tage nach dem Mord an Braunmühl, weshalb die RAF einen in der Öffentlichkeit weithin unbekannten Mann „aus dem zweiten Glied“ der politischen Hierarchie ausgewählt habe. Die Opfer des bisher schlimmsten Terror-Jahres 1977 waren ja bundesweit bekannte Persönlichkeiten gewesen: Generalbundesanwalt Siegfried Buback, oberster Strafverfolger der Republik; Jürgen Ponto, Vorstandssprecher der Dresdner Bank; Hanns-Martin Schleyer, Arbeitgeberpräsident. Ponto und Schleyer sollten als Geiseln dienen, um inhaftierte RAF-Gesinnungsgenossen freizupressen. Seit Mogadischu weiß die RAF, daß sich der Staat nicht mehr erpressen läßt.

Neue Ziele des Terrors

Mit dem Mord an Gerold von Braunmühl hat die RAF nach Ansicht der Sicherheitsbehörden, die sich in der Terminologie der Guerilla auskennt, eine andere Angriffsebene beschritten. Neben dem „militärisch-industriellen Komplex“ nimmt sie jetzt wieder den staatlichen „Repressionsapparat“ ins Visier. Schon die Sprengstoffanschläge auf das Gelände des Bundesgrenzschutzes in Heimerzheim bei Bonn am 11. August (verübt von einer „Kämpfenden Einheit Crespo ‚Cepa‘ Gallende“) und auf das Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln am 8. September („Kämpfende Einheit Christos Troutsouvis“) gaben die neue Zielrichtung an. Daß die RAF Aktionen auch in der Bundeshauptstadt plante, zeigte eine Skizze des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit, die bei der am 2. August in Rüsselsheim festgenommenen Eva Sibylle Haule-Frimpong gefunden wurde.

Gerold von Braunmühl saß aus Sicht der RAF an einer Schaltstelle des „Repressionsapparats“ in Westeuropa. Daß er die Bundesregierung in der „Europäischen Politischen Zusammenarbeit“ (EPZ) vertrat, war in öffentlich zugänglichen Handbüchern nachzulesen. Woher die Terroristen wußten, daß der Spitzendiplomat auch an den Viererkonsultationen zwischen Amerikanern, Franzosen, Briten und Deutschen teilnahm, können sich die Sicherheitsbehörden indes nicht erklären. Auch im Kanzleramt ist man beunruhigt, daß die RAF offenbar gute Kenntnisse über die Aufgabenverteilung in den Bonner Ministerien besitzt. „Die RAF“, mutmaßten Fahnder, „filtert Funktionen heraus und unterfüttert sie mit Personen.“

Gerold von Braunmühl, den engen Vertrauten von Außenminister Genscher, betrachteten die Terroristen als „Symbol einer Symbolfigur“. Die perfide Logik: Sie wollen kein unkalkulierbares Risiko eingehen und handeln nach dem Prinzip der „größtmöglichen Minderung der eigenen Gefährdung“. Falsch wäre es allerdings, deshalb auf ihre. Schwäche zu schließen. Die Experten halten die Terror-Truppe heute für personell genauso stark wie 1977 auf dem Höhepunkt des Terrors in der Bundesrepublik. Die RAF verfügt wieder über eine gut ausgebaute Logistik und ausreichende Finanzen. „Und sie haben inzwischen gelernt, auch unter den Fahndungsrastern wegzutauchen.“ Sie mieten nicht mehr, wie ehedem, schnelle BMWs unter Falschnamen an. Sie unterhalten auch keine „konspirativen“ Wohnungen mehr. Heute beziehen die Terroristen nurmehr Wohnungen, deren rechtmäßige Inhaber für drei oder fünf Monate in ihr Feriendomizil ins Mittelmeer oder sonstwohin verreist sind; Miete und Stromrechnung werden von einem legalen Konto abgebucht. Wer die Leute wirklich sind, die im Haus der Eltern derweil domizilieren, weiß vielleicht nicht einmal der Sohn, der ihnen die Bleibe nach einem gemeinsamen Disco-Besuch verschafft hat.

Die Vorgeschichte des Mordes an Braunmühl läßt auf kaltblütige und sorgfältige Planung schließen. Im Juli 1984 hob das Bundeskriminalamt eine konspirative Wohnung in Karlsruhe aus. Dabei fiel den Beamten ein zunächst wenig beachteter Vermerk der RAF in die Hände, in dem es heißt: „Struktur der EPZ („Europäische Politische Zusammenarbeit’): Sie treffen sich monatlich. Von der BRD ist es der Leiter der Polit. Abteilung des AA (Auswärtigen Amtes) – 82 G. Poensgen.“ Ein handschriftlicher Nachtrag lautet: „84 Politischer Direktor Pfeffer“. Der Nachtrag könnte von Ingrid Sternebeck stammen, einer RAF-Terroristin der ersten Jahre. Nachfolger der AA-Beamten Poensgen und Pfeffer war Gerold von Braunmühl.

Horst Herold hatte in einem Spiegel- Interview im September den Verdacht geäußert, es müsse bei den jüngsten Terror-Opfern auch eine „Quelle im Objekt“, einen Konfidenten im beruflichen Bereich, gegeben haben, die den entscheidenden Tip gegeben habe, wo das Opfer zu einer bestimmten Zeit anzutreffen wäre. Braunmühl war an seinem Todestag nicht unerwartet spät nach Hause gekommen. Er fuhr mit einem Taxi. In Bonn gibt es nur eine Taxi-Zentrale. Bestellungen über Funk und Fernsprecher können leicht abgehört werden. Eines Konfidenten aus dem Amt bedurfte es nicht, damit die Terroristen auf die Minute genau wußten, wann sie ihrem Opfer vor der Haustür auflauern mußten.