ARD, 7. Oktober: "Dem lebendigen Geist?", Film von Klaus Sondergeld und Walter Sucher

Sechshundert Jahre wollen gefeiert sein. Und wenn schon Neugründungen wie die amerikanische Harvard Universität ihre kümmerlichen 350 Jahre zelebrieren, dann erschiene es ja nachgerade lächerlich, wollte Heidelbergs Ruperto Carola so tun, als sei man eine dieser frisch in den Sand gesetzten – horribile dictu – Gesamthochschulen. Ein ganzes Jahr ließ man also die 600 hochleben, und jetzt, zum offiziellen Eröffnungsdatum, steuert(e) auch das Fernsehen seinen Teil zum Jubelfeste bei: mit einem ganzen Abend "Mythos Heidelberg" und einer live-Übertragung des Festaktes am 18. 10. (um 10 Uhr im 1. Programm).

Auch einen Film gab es, und der ist manchem sicherlich entgangen, denn die Programmplanierer haben ihn gut versteckt um 23 Uhr und unter der nichtssagenden Rubrik "Kulturweltspiegel".

Natürlich war die Entscheidung, die Reportage auf diese Weise nicht zu zeigen, völlig richtig, berührten die Autoren Klaus Sondergeld und Walter Sucher hier doch sozusagen einige Dinge, die sozusagen für die Öffentlichkeit sozusagen von keinem höheren Interesse sein dürften.

Denn es ging in diesem Film nicht nur um die Nazi-Vergangenheit der Hochschule und nicht nur um die politische Entmündigung der Studentenschaft heute, sondern es wurde vor allem auf listig-eindringliche Weise gezeigt, wie die Universität, in panischer Angst vor landesväterlichem Liebesentzug und gierig wie ein Sparschwein nach jeder "Drittmittel" Mark, von ihrer Leitung immer weiter in die Gefahrenzone industrieller Interessen und industriellen Einflusses manövriert wird.

Das waren sonderbare Bilder zum Geburtstag: Verleihung der Ehrensenatorwürde an Konzernmanager, Gartenfest des Physikalischen Instituts mit "Herren von der Wirtschaft" und Rektor zu Putlitz, eigenhändig drei rührende Demonstranten aus dem Saal stoßend, die es gewagt hatten, anläßlich der Eröffnung des "Zentrums für Molekulare Biologie" auf gewisse Geldgeber des neuen Instituts hinzuweisen. Die Autoren zeigten eine Universität, die sich selbst als Wissenschaftsmetropole von internationalem Rang versteht, als Princeton, Sorbonne und Oxford in einem, deren Leitung aber zugleich provinziell genug ist, um die AStA-Post Brief für Brief zu überprüfen und auch schon mal zu öffnen. ("Kontrollieren Sie hier?" wurde der Mann von der Universitätsverwaltung gefragt. "Nein", antwortete der, "nur wenn mir was auffällt.")

Heidelberg ist heute, glaubt man den Bildern und Szenen dieses Films, eine Universität mit sehr viel Ehrgeiz, aber ohne wirkliches Selbstvertrauen, mit sehr viel "Mut zur Zukunft", aber sehr wenig Ideen, wie diese Zukunft in einer demokratischen Gesellschaft aussehen könnte. Mißt man gar (wie dieser Film es tat) die heutige Wirklichkeit an der Vision eines Karl Jaspers – so wie er sie kurz nach dem Krieg in seiner Rede über die "Idee der Universität" festgehalten hat – dann muß das Bild erst recht trübe erscheinen.