Von Hans Jakob Ginsburg

Aus anderem Munde hätte solch ein Wort an diesem Platz peinlich geklungen: „Es geht hier nicht um Politik, sondern um Gut und Böse.“ Im Frühjahr 1985 warnte der jüdische Schriftsteller Elie Wiesel, zu Gast im Weißen Haus, Präsident Reagan vor der geplanten Totenehrung an den SS-Gräbern in Bitburg. Der Präsident lobte seinen Kritiker und blieb bei seinem Besuchsprogramm. Elie Wiesel, der erfolglose Mahner, wird im Dezember in Oslo den Friedensnobelpreis 1986 erhalten – weil er die Welt an das Leiden der Juden unter den Nazis erinnert und sich für alle unterdrückten Völker und Rassen engagiert, wie das Nobelpreiskomitee des norwegischen Parlaments feststellt.

Der 58jährige Preisträger ist ein berühmter Mann. Zwanzig Bücher hat er geschrieben; siebzehn Ehrendoktorhüte amerikanischer und israelischer Universitäten, acht französische und amerikanische Literaturpreise hat Wiesel erhalten. Der Schriftsteller, der vor drei Jahrzehnten aus Frankreich nach Amerika übersiedelte, ist eine moralische Autorität für Amerikas Juden und ihr prominentester Sprecher, Universitätsprofessor und Vorsitzender des von Präsident Carter eingesetzten Komitees, das Pläne für eine Holocaust-Gedenkstätte in Washington entwerfen soll. Wiesel gilt als der Mann, der das Wort „Holocaust“ in den amerikanischen und internationalen Sprachgebrauch eingeführt hat. Darunter leidet er heute: „Das Wort ist so trivialisiert und vulgarisiert worden. Wenn es fällt, muß man heute fragen, ob die Fernsehserie oder das wirkliche Ereignis gemeint ist.“

Es fällt schwer, Wiesels literarische und öffentliche Karriere als Erfolg zu beschreiben. Sein Ruhm gründet im eigenen Leid, das er im Gegensatz zu vielen Schicksalsgefährten zu beschreiben vermochte: Weil er überlebte und eine Sprache fand, die in vielen Büchern unbeschreibliche Verzweiflung in Worte faßt. Elie Wiesels Familie, Juden aus Siebenbürgen, geriet 1944 in die Hände der Mörder aus Deutschland. Mutter und Schwester wurden in Auschwitz ermordet; den Vater ließen die Peiniger in Buchenwald verhungern, der Sohn erlebte es mit. Elie Wiesel, ein halbes Kind, überlebte seine Angehörigen, seine Freunde, seinen Kindheitsglauben: „Nie werde ich diesen Rauch vergessen. Nie werde ich die kleinen Gesichter der Kinder vergessen, deren Körper vor meinen Augen als Spiralen zum Himmel aufstiegen. Nie werce ich die Flammen vergessen, die meinen Glauben für immer verzehrten. Nie werde ich das rechtliche Schweigen vergessen, das mich in alle Ewigkeit um die Lust am Leben gebracht hat.“

Elie Wiesel ist ein Zeuge, kein Politiker, Geschichtsschreiber oder Ankläger. Indem sie ihn zu ihrem Sprecher machen, entlasten sich Amerikas Juden ein wenig von dem bitteren Selbstvorwurf, ihre Eltern hätten mehr tun können, um die Opfer Hitlers zu retten. Das gleiche Bedürfnis empfinden auch Politiker in Washington: Hätte Amerika in den dreißiger Jahren mehr Flüchtlinge aus Europa aufgenommen, hätten alliierte Flugzeuge systematisch die Eisenbahnstrecken nach Auschwitz bombardiert, dann wären viele Opfer der Nazis heute vielleicht noch am Leben.

Mit dem geplanten Holocaust Memorial in Washington, mit Holocaust-Gedenktagen und feierlichen Deklarationen beschwichtigen manche sicher ihr schlechtes Gewissen. Wiesel toleriert das, weil ihn die Instrumentalisierung des Gedenkens weniger ängstigt als das Vergessen. Die neonazistischen Fälscher, die allen Beweisen zum Trotz behaupten, der Massenmord von Auschwitz sei eine Erfindung der Juden, „ermorden die Toten ein zweites Mal“, sagte Wiesel letztens vor einem deutschen Publikum. Die Angst peinigt ihn – wie fast jeden Überlebenden des Massenmordes –, das Leid seiner Eltern, seiner Generation und seines Volkes könnte in Vergessenheit geraten – eine Vergessenheit, die der erste Schritt zu neuem Unheil wäre.

Jüdische Denker vor Wiesel haben denselben Gedanken entwickelt. „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“, sagte der Rabbi Nachman von Bratzlaw vor zweihundert Jahren. Elie Wiesel, Autor eines Buches über diesen Rabbi Nachman, wird den Friedensnobelpreis als Zeichen annehmen, daß die Welt zum Erinnern bereit ist.