Von Rolf Ackermann

Fünfundzwanzig Quadratmeter Strand für jeden meiner Gäste!" Unendlich viel Stolz schwingt mit, wenn Abdelkrim M’rad, Präsident und Generaldirektor des Hotels "Venus" im tunesischen Hammamet, mit dieser Zahl kokettiert. Wohl ungewollt dokumentiert er damit eine Tendenz, die Tunesiens Tourismus infiziert hat. Was einst des nordafrikanischen Landes Stolz und gleichsam Kapital war, unendlich weite, weiße und menschenleere Sandstrände, wird immer häufiger parzelliert, wie Häppchen feilgeboten.

Hotel "Venus", Hammamet, steht in den Werbebroschüren Abdelkrim M’rads zu lesen, aber zwischen dem vor drei Jahren erbauten Hotel und der Medina Hammamets liegen acht Kilometer. Dazwischen stehen nur Hotels. Und es wird noch immer gebaut. Ende der fünfziger Jahre gab es in Nabeul/Hammamet keine hundert Fremdenbetten. 1983 waren es schon 20 000. 1985 gar 27 000. Der staatliche, auf fünf Jahre ausgelegte Entwicklungsplan sieht bis 1991 eine Steigerung der Bettenkapazität auf 40 000 vor.

Der Bauboom scheint auf den Fundamenten des Optimismus zu stehen. Tunesiens Tourismusplaner setzen auf Expansion. Zwischen 1981 und 1983 jedoch sank die Zahl der deutschen Besucher in Tunesien von 380 000 auf 230 000. Das Jahr 1986, so Tijani Maknine, Direktor des tunesischen Fremdenverkehrsamtes in Frankfurt, "fing sehr vielversprechend an, wird aber mit einem Minus von ein bis drei Prozent gegenüber dem Vorjahr enden". Die Hintergründe dieses erneuten Dämpfers waren diesmal jedoch anderen Ursprungs als in den Jahren 1981 bis 1983. Damals hatte sich die wirtschaftliche Rezession in Europa stark bemerkbar gemacht. Frankreich und die Bundesrepublik sind Tunesiens wichtigste Partner im Fernweh-, Sonnen- und Strandgeschäft. Und fast im gleichen Augenblick war das Image, mit dem Tunesien warb, wie ein Kartenhaus in sich zusammengebrochen.

Eine Million Touristen, nicht zuletzt von den relativ niedrigen Preisen angelockt, überschwemmten in der besten Saison das Land, das selbst nur rund sechs Millionen Bewohner zählt. Quantität und Qualität waren nicht mehr in Einklang zu bringen. Überbuchte Hotels, Speisesäle mit Bahnhofsatmosphäre, unqualifiziertes Personal, Wasser-, Strom- und Getränkeengpässe, all das entsprach nicht mehr den recht hohen Erwartungen europäischer Urlauber. Sie blieben fern.

Als Reaktion lockten Reiseveranstalter im darauffolgenden Jahr (83/84) mit Dumpingpreisen. Tunesienurlaub war so billig wie noch nie. 14 Tage mit Vollpension waren für 850 Mark zu haben. Womit im Nu das Bild von Tunesien als Billigurlaubsland entstand. Preiswerter Urlaub in Afrika. So wurde Tunesien auf dem Touristikmarkt gehandelt.

Den Planern im Ministerium für Tourismus in Tunis muß zugestanden werden, daß sie in den letzten Jahren keineswegs untätig geblieben sind. Eine Vielzahl von Hotelfachschulen hat dazu geführt, daß das Hotelpersonal spürbar qualifizierter geworden ist. Mehrsprachigkeit ist nahezu selbstverständlich geworden. Alkoholika und Importfleisch sind keine Mangelware mehr auf dem Tisch des Gastes. Die Stromversorgung der Hotels ist gesichert.