Moskau, im Oktober

Mit verhaltenem Zorn empörte sich in der Moskauer Innenstadt eine etwa fünfzigjährige Frau. Bis tief in die Nacht hat sie die Live-Übertragung der Pressekonferenz von Parteichef Gorbatschow aus Reykjavik verfolgt: "Der erste Eindruck zeigte doch schon", meinte sie mit fast bebender Stimme, "wie aufgeregt Gorbatschow war, daß er sich kaum beruhigen konnte, wie Reagan mit ihm umgesprungen ist. Wir waren doch alle überzeugt, die würden wenigstens einen Vertrag schließen. Aber schauen Sie selbst, wie die andere Seite mit Gorbatschow umgeht." Ein alter Mann hörte angespannt zu, dann platzt er heraus: "Ich glaube, daß der Reagan völlig gekauft ist. Der arbeitet doch nur noch für die Monopole und will uns nicht hochkommen lassen. Solange der nicht von der Bühne abtritt, gibt es keine Verbesserungen."

Auch sowjetische Jugendliche zeigten sich engagiert. Ein Neunzehnjähriger mit dem Anflug einer Punkerfrisur und einem goldenen Ring im linken Ohr gibt sich entschieden: "Jetzt hat Reagan überzogen."

Die Menschen auf der Straße gingen nach dem gescheiterten Gipfel hoch einen Schritt weiter, als es die Sprachregelung in den sowjetischen Medien vorsah. Für das offizielle Moskau sind die militärindustriellen Kreise der USA das entscheidende Hindernis auf dem Weg zu einem Abrüstungsabkommen großen Stils; persönlichen Attacken auf Präsident Reagan wurde kein Vorschub geleistet. Deshalb nahm sich auch die Volksstimmung, die vom sowjetischen Fernsehen verbreitet wurde, deutlich gemäßigter aus, als es die Leute im Gespräch mit dem Ausländer waren.

Obwohl die Sowjetunion bereits vor dem Treffen von Reykjavik im eigenen Land keine allzu großen Hoffnungen schüren wollte, war klar, daß es um mehr als nur um Abrüstungsabkommen ging. Wie ein roter Faden zog sich durch die Vorweg- und Begleitkommentare das Argument, Moskau brauche einen Rüstungsstopp, um dringend benötigte Gelder für die ehrgeizigen Pläne einer wirtschaftlichen Neugestaltung freizusetzen. Natürlich ist der Wunsch der Sowjetmenschen nach einem friedlichen Zusammenleben so groß, wie die Propaganda behauptet. Diese Hoffnungen sind vorerst zerstoben.

Daß selbst von offizieller Seite nicht ein Scheitern der Gespräche erwartet worden war, zeigten die sowjetischen Zeitungen am Tag nach dem Island-Gipfel. Zum Abschluß der Gespräche hatten alle überregionalen Blätter die Anweisung, das Bild der beiden freundlich lächelnden Gesprächspartner auf den Titelseiten zu veröffentlichen. Der frühe Redaktionsschluß ließ keine Korrektur mehr zu. Nach dem abrupten Ende der vierten Gesprächsrunde gelang es nur noch dem Parteiblatt Prawda das hoffnungsverheißende Bild wieder aus dem Druck herauszunehmen, um in dürren Worten die Beendigung der Gespräche zu melden.

Die allgemeine Sprachlosigkeit der sowjetischen Kommentatoren nach Reykjavik wurde von den Medien dann auf wirkungsvolle Weise überwunden. Sie wiederholten schlicht die diplomatisch geschickte Pressekonferenz von Gorbatschow in Funk und Fernsehen und die Zeitungen druckten sie nach.