Von Thomas Nipperdey

Jürgen Habermas bildet aus recht unterschiedlichen Historikern eine Gruppe der "Revisionisten", rechnet sie ohne Umschweife einem ideologiepolitischen Programm zu, das Michael Stürmer formuliert haben soll. Habermas fragt nach Motiven, sozialmoralischen Folgen, politischen Funktionen der historischen Aussagen. Und weil er natürlich kein bloßer Politikbeobachter sein will, werden diese Aussagen moralisch gewertet. Moralisch integre Kollegen werden in die allerdings fatale Nachbarschaft von NS-Apologeten gerückt. Nicht Vergleich und Differenzierung seien das Ziel, sondern Entlastung von der Vergangenheit, ja Nato- und Wendehistorie.

Die eigene politische Tendenz wird mit der Wahrheit gleichgesetzt, und nebenbei wird dann aus der "Vernichtung" der Kulaken ihre "Vertreibung". Das ist das alte Lied, die Interpretation des Nationalsozialismus wird als Waffe im politischen Kampf benutzt. Aber das ist mehr: Es ist die Herrschaft des "Verdachtes" (Hegel), der selbstgewissen Tugend und eines Wahrheitsmonopols, die Unterscheidung der Guten von den Bösen. Darum darf man schon von Unterstellung, Frageverboten sprechen – schon die bloße Publikation des Nolte-Artikels durch die FAZ rückt in die Nähe der Sünde. Daß Tacitus nicht sine ira et studio schrieb und daß Ideologiekritik legitim ist, ist demgegenüber kein Argument. Die Moral der Wissenschaft fordert, die Argumente der Gesprächsteilnehmer unabhängig von Herkunft, Motiven, Folgen zu prüfen. Man muß die Ebene der Argumente von der des Kontextes trennen – und jeder kennt genügend Beispiele, wo politische und wissenschaftliche Meinungen und Fronten sich nicht decken. Die moralisierende "Interpretation" von Kontexten kündigt den wissenschaftlichen Diskussionsprozeß, der von neuen Entdeckungen und neuen Perspektiven, manchmal sogar der Entdeckerkraft ideologischer Interessen lebt, kündigt die Freiheit und die Pflicht zum permanenten Revisionismus auf.

Ich wende mich also dagegen, wissenschaftliche Aussagen und ihre Erkenntnisleistung an ihrer behaupteten politischen "Funktion" zu messen. Nun kann man von den einzelnen Aussagen zu generellen Perspektiven fortschreiten. Es geht dann beispielsweise um den Gegensatz "apologetischer" und "kritischer" Geschichtswissenschaft. Daß es apologetische Geschichtsdarstellung gibt, ist trivial; in Frage steht die Wissenschaft. Die sogenannten "Historisten", die die Vergangenheit verstehen wollen und an deren eigenen Maßstäben messen, gelten ihren Gegnern als apologetisch oder affirmativ – auch Habermas verweist auf solche Traditionen, und seit Beginn der "großen Debatte" stoßen kleinere Geister wieder ins selbe Horn. Dagegen steht eine Wissenschaftsrichtung, die sich kritisch nennt, nicht, weil sie wie jede Wissenschaft der kritischen Methode anhinge, sondern weil sie die Vergangenheit ihrer Kritik unterwirft. Die Vergangenheit wird entlarvt, mit dem allgewaltigen Prinzip der Emanzipation politisiert und moralisiert, ja hypermoralisiert: Nur so entsteht freie Bahn für das Zukunftsmonopol der Utopien.

Ich habe früher, auch in dieser Zeitung, gegen solche Historie der Staatsanwälte und Richter vorgebracht, sie verstelle Erkenntnis der Vergangenheit mehr, als daß sie sie fördere. Die moralisierte Vergangenheit zerstört zuletzt die wirkliche Geschichte. Wir müssen den Nationalsozialismus "historisieren".

Aber das mag jetzt dahinstehen. Jenseits von Apologie und Kritik, von konservativen und progressiven Parteilichkeiten gibt es die objektive Geschichte, der wir trotz aller Endlichkeit im Bemühen der – transnationalen – Kommunität der Forscher näherkommen. Jeder weiß es doch, es gibt einfach – jenseits unseres Streitens um Werte – bessere und weniger gute Historie, überholte und einstweilen gültige. Dazu tragen auch kritischemanzipatorische oder apologetisch gestimmte oder identitäts-engagierte Wissenschaftler bei.

In dieser Lage ist es das Gebot pluralistischer Wissenschaftsmoral, die Koexistenz und den offenen Wettbewerb auch solcher Großrichtungen anzuerkennen. Im jetzt anstehenden Fall heißt das, man muß dem Monopolanspruch der kritischen Historie mit ihren Verdammungsurteilen entgegentreten. Die Sache der Aufklärung heute ist es, Objektivität und Pluralität zu verteidigen und im Rückgriff auf ihr skeptisches Erbe der Militanz, der Selbstgewißheit der kompakten Moralität, dem ausgrenzenden Konsenszwang zu widerstehen und auf der Endlichkeit des Menschen zu beharren, mit dem Aufklärer Max Weber den Streit der Götter auszuhalten und die Wertfreiheit der Erkenntnis.