Von Dorothea Keuler

Neu-Anspach, das klingt für mich nach ländlich-gemütlicher Idylle, mit Bauernhöfen und altmodischen Gärten – der ideale Ort zum Schreiben. Die Autorin Dagmar Chidolue, in diesem Jahr mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, belehrt mich eines Besseren: Neu-Anspach ist ein großgewordenes Dorf, dem man die Nähe zu Frankfurt deutlich anmerkt. Neue Einkaufs-, Sport- und Schulzentren, ein Tennisclub, gegenüber ein Spielplatz, dahinter eine Zeile neuer Reihenhäuser. In einem von ihnen wohnt Dagmar Chidolue mit ihrem Mann und zwei Töchtern.

Sie sieht tatsächlich so aus wie auf den Photos in ihren Büchern. Die zeigen sie fast immer lächelnd, ein wenig schüchtern vielleicht, auf jeden Fall sehr sanft. Ich stelle sie mir so ähnlich vor wie ihre Heldinnen, die im Grunde alles andere sind als Heldinnen: brave Mädchen mit geregeltem Leben, in dem äußerlich alles stimmt, aber viele Wünsche offen bleiben. Alltägliche Menschen, die sich von ihrem betulichen Elternhaus, aus dem Trott des Jobs und der Langeweile am Feierabend befreien wollen und dann mit ganz kleinen Schritten anfangen, ihren eigenen Weg zu gehen. So wie Gabriele in Fieber (1979) oder Hannah in Das Fleisch im Bauch der Katze (1980) oder Kiki in Aber ich werde alles anders machen (1981) oder Gerti in Ein Jahr und immer (1983).

Ihre beiden ersten Mädchenbücher, sagt Dagmar Chidolue, seien sehr autobiographisch. „Gabriele und Hannah haben meinen Charakter und sehen die Welt mit meinen Augen von damals, nur die Situationen sind anders.“ Wer als Mädchen die herkömmlichen Rollenerwartungen erlebt hat, leidet mit, kann sich einer mit Wut gemischten Trauer über diese Vögel mit den gestutzten Flügeln, denen man selbst die Gehversuche noch erschwert, nicht entziehen. Für jede Lebenslage eine Schablone. Nur ja nicht auffallen und immer schön das tun, was auch die anderen machen.

Dagmar Chidolues Mädchen versuchen verzweifelt – und nicht immer geschickt – aus dieser Enge herauszukommen. Das ist authentisch: Dagmar Chidolue, geboren gegen Ende des Krieges, wuchs im Westfalen der Wirtschaftswunderzeit auf. Ausbildung zur Steuergehilfin, danach Abitur und Jurastudium.

Ja, man merkt ihr das Brave schon noch an. Da ist das Reihenhaus mit dem kleinen Garten, den ein hoher Holzzaun nach außen abschirmt, das Wohnzimmer, das so etwas wie nüchterne Behaglichkeit ausstrahlt. Da sind die Ordner mit der säuberlich abgehefteten Verlagskorrespondenz und der aufgeräumte Schreibtisch, an dem Dagmar Chidolue regelmäßig und diszipliniert arbeitet. Jeden Tag schreibt sie ihre fünf Seiten, meist abends oder am Wochenende, wenn die Kinder beschäftigt sind. Aber da ist auch die andere Dagmar Chidolue, die Spontane, Souveräne, die lebhaft und mit Vergnügen von sich und ihrer Arbeit erzählt. Die mit einem Afrikaner verheiratet ist und gar nicht daran dachte, den ausländischen Namen mit einem glatteren Pseudonym zu vertauschen. Die die Studentenbewegung an der Frankfurter Uni miterlebte und von Jura auf Politologie umsattelte, weil sie etwas verändern wollte. Die aus Freude an der Verwandlung ursprünglich Schauspielerin hatte werden wollen und nun mit gleicher Überzeugungskraft über eine gestreßte Sekretärin und über eine Punkerin schreibt. Für ihre Lady Funk, erschienen im Beltz-Verlag, hat sie jetzt auch den deutschen Jugendliteraturpreis bekommen. Lady Punk, das ist Terry, ein enfant terrible, das, wenn überhaupt, nur sich selbst liebt. Geld hat sie reichlich, und das investiert sie am liebsten in narzißtische Selbststilisierung.

Als El Canario oder Queen of American Heaven oder Virgin of Fruit and Iran gibt sie sich ihrer Wut, ihrer Euphorie oder anderen Gefühlen hin, je nachdem, wie’s gerade kommt. In einem Mädchenbuch der fünfziger Jahre wäre sie noch „die Böse“ gewesen oder „die Vernachlässigte“, die durch Ersatzeltern zum sanften Gretchen zurechtgebogen würde. Heute müssen Konflikte nicht mehr um jeden Preis gelöst, muß Realismus nicht mehr dem pädagogischen Nährwert geopfert werden.