Von Rolf Schneider

Gerade sechs Jahre nach der Preußen-Ausstellung und den sie begleitenden, gelegentlich die Schmerzgrenze überflutenden Assoziationsmaßnahmen rüstet die vormalige deutsche Reichsmetropole, und diesmal zur Gänze, also unter Einbeschluß des östlichen Stadtdrittels, zu einer anderen öffentlichen, als Feierlichkeit getarnten Unterbreitung ihrer Identitätsprobleme.

Eine kirchliche Urkunde aus dem Jahre 1237 erwähnt erstmals den geographischen Namen Cölln. Gemeint ist damit jene längliche Insel zwischen zwei Spreearmen, auf welcher früher das Berliner Stadtschloß stand, wo heute die Gebäude von DDR-Staatsrat und Palast der Republik sich erheben. Die aus Cölln und Berlin gebildete Doppelstadt wurde zur Keimzelle der späteren brandenburgischen Residenz, und 1237 gilt als ihr Gründungsdatum, wiewohl neuerdings bekannt gewordene Urkunden von einer noch früheren Erwähnung wissen sollen.

Aber das Datum ist eingeschliffen ins lokalpatriotische Gemüt. Wie alles, das Mythen zeugt, ist es schwer wieder zu entfernen. Mythen stiften ihrerseits Traditionen, und so gab es in diesem Jahrhundert schon einmal eine Berlin-Gründungs-Jubelfeier zu rundem Datum, das war im Jahre 1937. Adolf Hitler regierte da reichliche vier Jahre. Nahezu die ganze Welt war zwölf Monate zuvor in die braune Metropole eingekehrt, hatte an olympischen Sportspielen teilgenommen und der deutschen Diktatur ihre beifällige Reverenz erwiesen. Am 13. August defilierte am Rathaus ein Festzug in historischen Kostümen, und eine Zeitung beschrieb die NS-Herausforderung in Berlin so:

„Nirgends in Deutschland schien der Kampf gegen das Weimarer System und das Moskauer Untermenschentum so hoffnungslos zu sein wie in Berlin, nirgends erhob der rote Mob frecher sein Haupt, nirgends gab es ganze Stadtviertel, die so uneingeschränkt der roten Diktatur preisgegeben waren, wie in der Reichshauptstadt ...“

Mehr zum Thema ist zu finden in den beiden Bänden

Jochen Boberg, Tilmann Fichter, Eckhart Gillen (Hrsg.): Exerzierfeld der Moderne. Industriekultur in Berlin im 19. Jahrhundert; 399 S., 98,– DM. Die Metropole. Industriekultur in Berlin im 20. Jahrhundert; 400 S., 98,–DM; Verlag C. H. Beck, München 1984/86.