Von Helmut Trotnow

Der Name Bertha von Suttner hat bei uns einen guten Klang und er steht in zahlreichen Städten auf Straßenschildern. Doch was wissen wir von dieser Frau wirklich? Gewiß, ihr Name ist eng verbunden mit der bürgerlichen Friedensbewegung, die sich Ende des vorigen Jahrhunderts zu regen begann; hier in Europa ebenso wie in Amerika. Durch ihren Roman „Die Waffen nieder!“, der 1889 erstmals erschien und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, ist Bertha von Suttner weltberühmt geworden. 1905 erhielt sie aufgrund ihrer vielfältigen Aktivitäten den Friedensnobelpreis. Damit jedoch ist das allgemeine Wissen über sie schon weitgehend erschöpft. Woher Bertha von Suttner kam, was die Motive und Ziele ihres Handelns waren und die Hauptstationen ihres Werdeganges, darüber ist den meisten so gut wie nichts bekannt. Diese Lücke füllt jetzt

Brigitte Hamann: Bertha von Suttner. Ein Leben für den Frieden; Piper Verlag, München 1986; 552 S., 49,80 DM.

Der Lebensweg Bertha von Suttners weist erstaunliche Bezüge zur Gegenwart auf. Damals wie heute denken die Menschen angesichts der existierenden Hochrüstung über den Wahnsinn von Kriegen nach. Bewegt sich etwa die menschheitliche Geschichte im Kreise? Auch wir nähern uns ja dem Ende eines Jahrhunderts. Oder hat es vielleicht nur damit zu tun, daß die Geschichtswissenschaft und mit ihr die interessierte Öffentlichkeit das Hauptaugenmerk nur auf „erfolgreiche“ Ereignisse der Geschichte richtet? Das Wirken von Bertha von Suttner blieb letztlich ohne Erfolg.

Ein Jahr vor Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 vertraute sie angesichts der beiden Balkankriege 1912 und 1913 sowie den ständig steigenden Rüstungsanstrengungen der europäischen Weltmächte ihrem Tagebuch an: „Im Ganzen scheint es mir doch, daß sich der große europäische Kladderadatsch vorbereitet.“ Ihr Versuch, den Krieg durch eine Propaganda der Aufklärung zu verhindern, scheiterte. Statt der weißen Fahne des Friedens folgten die Massen der Fanfare des Krieges. Zehn Millionen Menschen starben.

Auch in den anderen Bereichen, in denen Bertha von Suttner tätigwar, blieb sie letztlich erfolglos: in ihrem Eintreten für die Gleichberechtigung der Frau sowie in ihrem Kampf gegen den Antisemitismus; Themen, die den Herrschenden weder in Österreich-Ungarn noch in Preußen-Deutschland angenehm waren. Beide Staaten haben die Friedensstreitereien denn auch offiziell nie zur Kenntnis genommen. Tröstend schrieb ihr 1913 anläßlich des 70. Geburtstages Alfred H. Fried, einer ihrer engsten Mitarbeiter, der ebenfalls, 1911, den Friedensnobelpreis erhielt: „In der Gegenwart werden Sie dadurch ausgezeichnet, daß Sie Ihr Vaterland, das die kriegsgeldborgenden Bankiers adelt, nicht auszeichnet.“ Ihre Familie, die zu den angesehensten des böhmischen Hochadels zählte, nahm sie erst 1967 zur Kenntnis und bezeichnete in einer Veröffentlichung die einstmals so gering geschätzte Bertha als „berühmteste Angehörige des Hauses“. „Eine späte Genugtuung“, schreibt dazu ihre Biographin.

Bertha von Suttner wurde am 9. Juni 1843 in Prag in eine Umgebung hineingeboren, die ihren späteren Werdegang in keiner Weise vorausahnen ließ. Ihr Vater, Graf Franz Joseph Kinsky von Chinc und Tettau war „k. k. Feldmarschalleutnant“ und gehörte zur Hocharistokratie Österreich-Ungarns. Einer seiner Vorfahren hatte im Dreißigjährigen Krieg zu Wallensteins engsten Vertrauten gezählt und war mit diesem 1634 in Eger zusammen ermordet worden. Auch die Mutter war adliger Herkunft, die allerdings einen folgenreichen „Schönheitsfehler“ aufwies: Sie konnte ihre 16 hochadeligen Urgroßeltern nicht nachweisen und war somit in den Augen der Hocharistokratie „ungeboren“. Als der Vater kurz vor Berthas Geburt starb, blieb Mutter und Tochter die gesellschaftliche Anerkennung versagt. Bertha von Suttner hat ihr ganzes Leben lang ein ambivalentes Verhältnis zum Adel gehabt. Auf der einen Seite bewunderte sie den Prunk und Pomp und wünschte sich dazugehörig. Als sie persönlich schon weltberühmt war, lautete ihre Visitenkarte immer noch: „Baronin Suttner, nee Gräfin Kinsky“. Andererseits lehnte sie die Geisteshaltung dieser „Kaste“ rundweg ab. „Der österreichische Adel“, bemerkte sie einmal ironisch, „ist von der Moderne am wenigsten angekränkelt... Die Bläue ihres Blutes ist ihnen Glaubensartikel.“