ZDF, Dienstag, 14. Oktober: „Fernseh-Grüße von West nach Ost“, Momente deutsch-deutscher Gegenwart

Videogrüße von West nach Ost liefen eine Dreiviertelstunde, ehemalige DDRler grüßten ihre „Hinterbliebenen“ hinter der Mauer – das hätte so öde werden können wie eines dieser Radio-Wunschkonzerte mit Grüßen über den Eisernen Vorhang. Wurde es aber keineswegs, denn die Berliner Video-Filmer Michaela Büscher und Gerd Conrad verzichteten nicht auf ihre eigene, recht entlarvende Sicht der Dinge. Für den bundesdeutschen Betrachter ergibt sich eine kleine Typologie der Ausgereisten. Eine Familie arrangiert sich stolz zwischen Stehlampe, Vogelbauer und Kaffeetafel, den neuen Errungenschaften: „Es geht uns gut.“ Der ewige Rebell vergleicht den Moabiter Knast mit dem von Bautzen und findet, daß er sich in beiden heimisch fühlen könne als jemand, der sich „den Mechanismen verweigert“. Eine schöne Frau enthüpft dem Swimmingpool, hockt mit der lächelnden Familie vorm Rhododendron nieder, um wehmutsvolle Worte an die Mutter im Osten zu richten. Wer Vorurteile gegen Übersiedler hegt, wird sie hier leicht bestätigt finden.

Den DDR-deutschen Betrachtern wird „Westfernsehn verkehrt“ geboten; die Mattscheibe ist mit einem Mal nicht mehr das Schlüsselloch zur lockenden Fremde, sie sehen ihresgleichen sehnsüchtig herüberwinken, jemand, stößt sein Glas gegen diese Scheibe, jemand setzt einen Kuß darauf, große Augen und Münder, wie im Aquarium: „Det Anfassen fehlt!“ Wie fern die Welt hinter der Scheibe ist, wird wohl erst bemerkbar, wenn die Nächsten drüben sind, wenn die Scheibe trennt, statt zu verbinden.

Wir sehen junge Leute, die das Hinterder-Mauer-sein – zumal in Berlin-West – von ihrer Mauer-Besessenheit nicht geheilt hat. „Ich fahr jetzt durch unsere Wohnung unten durch“, der Video-Gruß kommt aus der West-U-Bahn, wo sie den Osten durchquert. „Ich hab’ jetzt vier Stunden auf dein Gespräch gewartet, Mutter...“, spricht jemand auf den Anrufbeantworter und verläßt die dämmrige Stube. Vielleicht kann man sein Leben damit hinbringen, an der Mauer zu leiden, nur hat diese Unablässigkeit auch komische Züge.

Einige der Grüßenden schaffen denn auch den Schritt zur Satire. Eine Einladung des armen Ostlers zu einem echten West-Frühstück entartet zu einem Kampf mit Vakuumverpackungen. Nina Hagen grüßt von ihrem Wohnwagen aus alle Genossen des Politbüros: „Ich hab’ auch ein Lied für den Weltfrieden geschrieben – laßt mich endlich wieder rein.“

Diese locker inszenierten Dokumentarbilder erzählen mehr über Ost-West, als sich in Kürze sagen läßt, sie bringen das, was man längst darüber zu wissen glaubte, in neue Gärung. Martin Ahrends