Die Revolution in der City soll ein internationales Finanzzentrum schaffen

Von Wilfried Kratz

Gegen acht Uhr morgens versammeln sich die Händler, Verkäufer und Analytiker des Aktien- und Anleihegeschäfts im neuen Dealing Room des Wertpapierhauses Morgan Grenfell Securities, diskutieren und bewerten Informationen, die über Nacht von anderen Finanzplätzen der Welt hereingekommen sind, und beraten die Strategie des Tages. Die Bildschirme flimmern schon, werden aber kaum beachtet. Es herrscht noch Ruhe vor dem Sturm. Nach halb neun setzen sich die Händler in Bewegung, ihr Ziel ist die Londoner Wertpapierbörse, wo der Handel um neun Uhr beginnt.

Morgan Grenfell-Direktor Geoffrey Collier schaut seiner abziehenden Truppe nach: "Ich glaube, das wird bald aufhören. Wir brauchen, die Börse eigentlich gar nicht mehr. Wir könnten das alles hier am Schirm und über Telephon machen." Der unpersönliche elektronische Marktplatz ersetzt das Börsenparkett. Die dort herumgehenden Händler, die ihre Angebote ausrufen, miteinander von Angesicht zu Angesicht handeln und die Transaktionen in ihre Notizbücher eintragen, werden zu Überbleibseln einer Ära, deren Ende mit dem sogenannten Big Bang am 27. Oktober 1986 beschleunigt wird.

Diese technische Umstellung im Handel mit Wertpapieren ist nur ein Element einer radikalen Änderung in der Londoner City. Die Börse folgt der Tendenz des "Handels rund um die Uhr und rund um die Welt". London will einen mächtigen Sprung nach vorn machen in einer Zeit, da "traditionelle Unterschiede zwischen nationalen und internationalen Märkten und verschiedenen Formen der Finanzsituationen immer mehr verwischt werden", wie Finanzminister Nigel Lawson meint.

Der große Knall am letzten Montag im Oktober dieses Jahres signalisiert die Umwälzung in der Struktur des britischen Wertpapiergeschäfts, das Ende des Gebührenkartells und den Beginn eines schärferen Wettbewerbs. Er steht für die weitere Öffnung des Platzes London zu einem liberalen internationalen Finanzzentrum, welches sich als europäische Finanzhauptstadt profilieren und gleichrangig neben New York und Tokio stellen will!

Die City, die "Quadratmeile" zwischen St. Paul’s Cathedral und Tower mit ihrer einzigartigen Konzentration von Banken und Börsen, Händlern und Maklern, wo 300 000 Menschen arbeiten, aber nur 6000 wohnen, ist international orientiert, seit England zur Weltmacht aufstieg. Hier werden internationale Kredite syndiziert und Euroanleihen organisiert. Selbst Labour-Regierungen griffen die Zitadelle des Kapitalismus nie wirklich an. Sie nannten die City unpatriotisch, verachteten ihre Lebensweise und die Vergötterung des schnellen Geldes. Aber sie brauchten sie als Abnehmer der Staatsschuld und als Aktivposten in der Zahlungsbilanz.