Von Jürgen Krönig

London, im Oktober

Für einen Moment schien Margaret Thatcher alle Schmerzen zu vergessen. Vierzig Minuten hatte sie, immer wieder von Beifall unterbrochen, der Partei den Weg zum nächsten Wahlsieg gewiesen, hatte sie trotz eines verstauchten Fußgelenks ein ums andere Mal gelächelt – und dann feierten sie 4000 Konservative in der Kongreßhalle von Bournemouth. Zehn Minuten Standing ovation – das war selbst nach Thatcher-Maßstäben ungewöhnlich lang. Sie ist immer noch unbestritten die Erste: Elf Jahre an der Spitze der Partei, mehr als sieben Jahre in Downing Street; der letzte, der sich länger als Margaret Hilda Thatcher im Amt halten konnte, war der liberale Premier Lord Palmerston (1855-1865).

Aber die Fernsehkameras enthüllten, was das Parteivolk nicht wahrnehmen konnte: Sie wirkte müde und angestrengt, das Lächeln schien ihr schwerer zu fallen als sonst. Das Bild der stolpernden Premierministerin, in allen Blättern des Landes auf die erste Seite gerückt, wird stärker haften bleiben als die Jubelrituale am Ende der Parteikonferenz. Großbritannien habe, so bemerkte wenig galant der Observer, eine alte Frau gesehen, die verwundbar und anfällig geworden sei.

Das Idyll von Bournemouth, die bruchlose Übereinstimmung von Führerin und Partei hat ohnehin getrogen. Ganz allmählich haben sich seit ihrem zweiten Wahlsieg Zweifel entwickelt, die schon in eine Frage münden: Ist sie noch die Richtige? Kein Konservativer kann es einstweilen wagen, offen den Nimbus Margaret Thatcher anzukratzen, doch im Wochenblatt für den nachdenklichen britischen Konservativen, dem etwas kläglich exzentrischen Spectator, war ein maliziöser Ratschlag für die Premierministerin zu lesen: "Niemand wünscht ihr den plötzlich sehr schlechten Gesundheitszustand, der 1963 Harold Macmillan zum Rücktritt bewog." Dennoch gebe es hinreichend glaubwürdige Gründe für sie, abzutreten. Sie habe genug geleistet, gesundheitliche Probleme – die Augen – machten ihr zu schaffen, und wenn schon nicht Margaret Thatcher selbst, so sehne sich doch Dennis, ihr zehn Jahre älterer Mann, nach der Ruhe des Alterssitzes im Londoner Vorort Dulwich.

Drastischer, wenngleich nicht öffentlich, sagen es junge Thatcheristen: "Wir brauchen sie nicht mehr, sie ist eher schon zu einer Belastung geworden." Dahinter steht die wachsende Sorge, man könne mit Margaret Thatcher auch Wahlen verlieren. Solche Befürchtungen sind nicht unbegründet: Die Popularitätskurven der Partei und der Premierministerin klaffen auseinander. Die Partei gewinnt nach Krisen und Rückschlägen langsam wieder an Boden. Die Parteiführerin kommt dagegen aus dem Tief nicht heraus. Zu fest sitzt das Urteil, sie sei zu extrem, zu diktatorisch, zu hartherzig, ohne Verständnis für die kleinen Leute. Das abgegriffene Schlagwort von der "eisernen Lady", zu Zeiten des Falklandkonfliktes eine Auszeichnung, hat sich längst gegen sie gekehrt.

Hier treffen sich die Sorgen der neuen Rechten und der traditionellen Tories, so unterschiedlich sie auch begründet werden. Die einen sehen sich in ihrer Auffassung bestätigt, daß sich die britische Nation eine derart radikale Politik und Politikerin auf Dauer nicht gefallen läßt. Dagegen fürchten die Rechten, daß die Fortsetzung der Thatcher-Revolution an ihr selbst scheitern könnte. Sie denken bereits laut über einen "Thatcherismus ohne Thatcher" nach und schauen sich nach geeigneten Nachfolgern um.