Von Marion Gräfin Dönhoff

Was man jeweils hier und heute erlebt, fügt sich noch zu keinem Bild. Der unmittelbar Beteiligte vermag im Augenblick des scheinbar chaotischen Geschehens die bleibenden Strukturen noch nicht zu erkennen. Gewiß: Ereignisse, Aktionen, Reden und Erklärungen prägen sich ein, Schreckensbotschaften wechseln mit Hoffnungsschimmern, Stichworte werden zu Mosaiksteinen, aber die Frage, was zum roten Faden der Geschichte gehört und was nur Niederschlag flüchtiger Emotionen ist, sie läßt sich erst aus zeitlichem Abstand beantworten.

Wenn man heute, nach 30 Jahren, auf das Jahr 1956 zurückblickt, dann wird deutlich, daß dies eines jener nicht eben häufigen Jahre war, in denen Weichen gestellt werden und Strukturen sich bilden, die für lange Zeit die Weltpolitik bestimmen. Auf drei Ereignisse des Jahres 1956 trifft dies zu:

  • auf den 20. Parteitag der KPdSU, der die Fehlsamkeit des doch angeblich unfehlbaren Kommunismus offiziell attestierte;
  • auf die Suez-Krise, die nicht nur das Ende des britischen Weltreichs, sondern das Ende des klassischen Kolonialismus überhaupt markiert;
  • auf die Ereignisse in Ungarn, die zum Vorboten der Breschnjew-Doktrin von der begrenzten Souveränität sozialistischer Länder wurden.

Doch ebenso wichtig ist der Hintergrund, vor dem diese Ereignisse sich abspielten: Am weltpolitischen Horizont des Jahres 1956 dämmerte die Erkenntnis, daß wir unwiderruflich in das Atomzeitalter eingetreten sind, daß wir mit der Bombe leben müssen, daß ein strategisches Patt zwischen den beiden Supermächten besteht. Bis dahin war das Verhältnis der Rivalen durch Ungleichheit charakterisiert: Die Amerikaner hatten ein weltweites Stützpunktsystem angelegt, das es ihnen ermöglichte, mit Düsenbombern fast alle Regionen der Sowjetunion zu erreichen; die Sowjets dagegen waren nicht in der Lage, mit ihren Bombern die Strecke USA und zurück zu fliegen. 1955/56 änderte sich dies.

Die Sowjetunion hatte im Herbst 1953 die erste Wasserstoffbombe gezündet, und seit 1956 standen Moskau auch Langstrecken-Raketen zur Verfügung. Dank der Kombination von Trägerwaffen und nuklearen Sprengköpfen hatten die Sowjets mit den Amerikanern gleichgezogen. Man erinnert sich daran, wie Chruschtschow, der 1956 zum ersten Mal im Westen war, vor den Engländern renommierte: Die Sowjets hätten jetzt eine Waffe, „mit der sie einen H-Bombenkopf überall in der Welt ins Ziel bringen könnten.“

Angst und ein Gefühl der Ungewißheit bemächtigte sich damals der Menschen, niemand wußte, wohin die Reise ging. In der Bundesrepublik tobte der Kampf gegen die atomaren Waffen, und im Frühjahr des folgenden Jahres erhoben 18 führende Wissenschaftler in der sogenanten „Göttinger Erklärung“ ihre warnende Stimme.