Ähnlich den Vatikan-Beobachtern bei der Papst-Wahl hatte Amerikas Medienwelt schon seit Monaten auf weiße Rauchschwaden über dem Times Square gewartet. Wer würde zum Nachfolger A. M. (Abe) Rosenthals ernannt werden, jenes Mannes, der seit beinahe 17 Jahren über die einflußreichste Zeitung der USA regierte? Dieses, unter Journalisten so beliebte Ratespiel war früher als erwartet zu Ende, als der Verleger und Besitzer der New York Times, Arthur Ochs (Punch) Sulzberger, jetzt den Machtwechsel bekanntgab: Der verantwortliche Redakteur der Meinungsseite des Blattes, Max Frankel, wird ab 1. November die Chefredaktion übernehmen.

Mit der Wahl des 56jährigen Frankel hat das Management auf einen seiner dienstältesten Veteranen gesetzt. Der im sächsischen Gera geborene Journalist (1938 gelang ihm zusammen mit der Mutter die Flucht nach New York) hat seit 34 Jahren die Statur der „großen grauen Lady“, wie das Blatt im Volksmund heißt, mitgeformt. Als Reporter machte er sich einen Namen während des Ungarn-Aufstands. Seit seiner Berichterstattung über Nixons ersten China-Besuch gehört er zu den 22 Pulitzer-Preis-Gewinnern, die der Times ihren herausragenden Platz im amerikanischen Journalismus garantieren.

Für die Leser der Zeitung, die über eine Million Auflage hat, dürfte der Wechsel weniger in der politischen Tendenz als im Stil sichtbar werden: Abe Rosenthals Korrespondenten sollten „hard news“ zu Geschichten aufbereiten, das nackte Tagesereignis bunter bekleiden. Max Frankel dagegen, sagen die Kollegen, gehört zur alten Schule und bevorzugt den schlichten, klassischen Nachrichtenstil.

Die jüngere Garde, die mit im Rennen lag, muß sich gedulden. Craig Whitney und John Vinocur, zwei Redakteure, die sich als Bonner Korrespondenten einen Namen bei ihrer Zeitung machten, werden voraussichtlich neun Jahre lang auf die nächste Rauchbildung über dem Times Square warten müssen: Bei der New York Times hat man auf das erfahrene Zugpferd gesetzt. B. U.