Als der Stil des Hauses noch der Freistil war, gab es absonderliche Glückstreffer: Herbert Achternbuschs „Gust“, Klaus Michael Grübers „Bantam“ zum Beispiel. Theaterdirektor Frank Baumbauer steuerte das Bayerische Staatsschauspiel in schwindelnde Höhen und gähnende Abgründe. Weil Baumbauers Gipfel der CSU aber zu hoch waren, gibt es seit Beginn dieser Spielzeit einen neuen Intendanten: Günther Beelitz, früher Düsseldorf. Das oft unterhaltsame Theaterroulette ist nun zu Ende. Nichts geht mehr.

Schon ein erster Blick in Beelitz’ Ensemble wird einem zur Geisterstunde. Jede Menge Mimen des Typs „tausend Jahre ohne Schlaf“ saugen einem das Blut aus. Deklamierende Körper, athletische Stimmbänder. Die Bühnenbildner beginnen sich an ihre Herkunft aus den Theaterwerkstätten zu erinnern. Nicht nur Luise wurde blaß, als Beelitz seine Ära mit Schillers „Kabale und Liebe“ eröffnete. Michael Gruners Inszenierung war fad wie Limonade, mühsam wie eine Deutschstunde, im Grunde ein Kostümstück für das bayerische Kultusministerium. Und so bieder wie es anfing, ging es jetzt weiter. Die zweite Neuinszenierung im Großen Haus wurde als Uraufführung angekündigt: Tankred Dorsts „Ich, Feuerbach“, Regie: Volker Hesse.

Dorsts Stück ist eine holprige „Minetti“-Variation. Bei Thomas Bernhard wartete ein alter Schauspielkünstler in Oostende vergeblich auf den Theaterdirektor von Flensburg, wo er noch einmal den Lear spielen wollte. Bei Dorst wartet der Schauspieler Feuerbach (der weder mit dem Philosophen noch mit dem Maler gleichen Namens verwandt ist) auf den Theaterdirektor Lettau, um den Tasso vorzusprechen. Beim Warten auf Lettau unterhält er sich mit dem Regieassistenten über die Qual des Bühnenkünstlers und die Tragödie seines Lebens: sieben Jahre Nervenheilanstalt! Am Ende spricht er seinen Tasso-Text wie den „Angstmonolog eines Irrsinnigen“ vor, da gesteht ihm der Regieassistent, Lettau sei schon nach Hause gegangen.

Das Stück ist eine Art Sonderangebot: Bernhard- und Beckett-Krümel, von Tankred Dorst aufgesammelt und ergänzt durch Szenen aus dem eigenen Werk. Einmal kann Feuerbach zaubern wie Dorsts Merlin, fliegen ihm Vögel zu, zwitschert und schwirrt es in der Luft: Feuerbach spielt den Heiligen Franziskus. Am Ende versteht man nur noch Lettaus Flucht aus dem Theater: In der Gestalt Hans Schutzes erscheint Feuerbach als schwitzender Grimassenathlet, erledigt sich sein Vorsprechen von selbst.

Die Frage heißt danach nicht mehr: Genie oder Wahnsinn, sondern München oder Flensburg. Als Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels müßte sich Beelitz allmählich für München entscheiden.

Helmut Schödel