Stuttgart: „Giulio Paolini“

Ist es Morgen, ist es Abend? Jedenfalls steht die Sonne mattrot über dem Meer, und ein milchweißer Schleier hüllt Wasser und Luft. Das Photo im Kalenderformat hätte Caspar David Friedrich erbarmunglos neidisch gemacht. Und die Gipsscherben eines antiken Hauptes hätten ihn vollends in Andacht versinken lassen. Nur der durchschlagene Glasträger hätte ihn vielleicht etwas verwirrt. „Cythère“ nennt Giulio Paolini seine Installation, Teil einer sehr gründlichen und von einem ungemein nachdenklichen Katalog begleiteten Retrospektive seiner Arbeiten in der Stuttgarter Staatsgalerie. „Cythère“ – die Anspielung auf Watteaus berühmtes Lust- und Schönheitsbild, der zerborstene Abguss klassischer Schönheit, die technisch reproduzierte Naturschönheit und der lädiere Schönheitsschutz: das alles addiert sich zu einem Erfahrungsraum, in dem Einsichten und Empfindungen, Assoziationen und Wahrnehmungen, Erinnerungen und Versprechungen wie Blitze zucken und mal schneidend helles Licht verbreiten, um im nächsten Augenblick alles wieder in Dunkel zu tauchen. Paolinis Arbeiten sind ein bißchen wie jene Umrißzeichnungen, die man über durchnumerierte Stationen auszufüllen hat, nur daß bei ihm die Zahlenfolge defizitär ist und die vermeintliche Logik immer wieder von Rätselpausen unterbrochen wird. Nichts läßt sich eindeutig angeben: Erkenntnis und Erleben scheinen aufgehoben in einem eigentümlichen Mischklima. Die analytische Kunstgebärde verliert sich in der poetischen Metapher, wie umgekehrt frei vagabundierende Imaginations- und Suggestivenergien sich stets an unerbittlicher Formstrenge und Mittelkargheit reiben. Paolinis Arbeiten, die an vier verschiedenen Orten in der Staatsgalerie die umgebende Architektur mitinszenieren, handeln zumeist von den Bedingungen und Möglichkeiten künstlerischer Praxis am Ausgang jener Kulturepoche, die sich selbst einmal das Türschild „Moderne“ geschrieben hatte. Was leistet noch bildnerische Repräsentation, wo die Wirklichkeit längst durch ihre Reproduktion ersetzt scheint? Wieviel Gedächtniskraft hat die Fortschrittsmechanik, bei der eine Kunstbehauptung die andere abgelöst hat, opfern müssen? Paolini weiß darauf nur vielschichtige, vorsichtige, vorläufige Antworten. Eine empfindliche Intelligenz, uneitle Wehmut und ephemere Würde liegen über seiner Ausstellung, und die wirken so viel sympathischer als die offensive Zuversicht und zupackende Plausibilität der Muntermaler seiner Generation. (Staatsgalerie Stuttgart bis 2. November, Katalog 35 Mark)

Hans-Joachim Müller

Hannover: „Photographie und Bauhaus“

Mit einem Vorurteil wird hier aufgeräumt: So etwas wie die „Photographie des Bauhauses“ hat es nie gegeben. Zu unterschiedlich sind die Arbeiten, die Lehrer und Studenten des Bauhauses machten: absichtsvoll und bis zum letzten Schatten durchkonstruiert oder spontan als Schnappschuß einer Jazzkapelle oder eines Szenarios der Bauhausbühne. Moholy-Nagy beschrieb sie als „die Gefühle einer Epoche ... kristallisiert auf einer Bromsilberplatte“, die uns eine Ahnung dessen nahebringen, was heute schon ein Mythos ist. Klein sind die über 200 ausgestellten Originalabzüge der Photos von mehr als 40 Bauhauskünstlern, deren Kurzbiographien im Katalog ermessen lassen, welch großartigen Weg die Photographie in Deutschland hätte nehmen können, wenn das Experiment Bauhaus nicht von den Nazis brutal beendet worden wäre. Und wenn die von Walter Peterhans gegründete Photoklasse weiter bestanden hätte. Deutlich werden die von Gerhard Glüher im Vorwort formulierten Entwicklungsstufen: Auch an dieser fortschrittlichen Kunstschule wurde das Medium Photographie zunächst als Träger von Informationen verwendet. Lucia Moholy trennt sich jedoch bald von den reinen Sachaufnahmen, sie gibt dem Objekt und dem Bild die gleiche Chance. Doch erst auf der dritten Stufe greifen die bildästhetischen Elemente auch auf die Photographie über: Der Gegenstand tritt zurück. Der Schwerpunkt liegt nun auf der Bildwirksamkeit; wie zum Beispiel bei dem „Ei“ von Joost Schmidt, dessen Gestaltung der optischen und graphischen Aspekte das ausmachen, was später als Merkmal der Bauhausphotographie bekannt wurde. – Alsdann die vierte Stufe: Das Sujet wird in seiner Erkennbarkeit immer unwichtiger und das Medium selbst zur Botschaft „avant la lettre“. T. Lux Feininger, Umbo und Consemüller demonstrieren diesen Standpunkt durch die Vermeidung der direkten Ansicht, mit einer betonten Diagonalkonstruktion, mit den steilen Unteransichten oder der Vogelperspektive und der starken hell-dunkel Kontrastierung. Die letzte Stufe auf dem Weg zur Abstraktion bilden die Stilleben oder Rätselbilder, oft mit den so beliebten Kristallkugeln, Gläsern und Spiegeln. Das Bild hat hier nicht mehr den Gegenstand, sondern den Begriff seiner Oberflächeneigenschaft abzubilden. Nicht das Glas wird dargestellt, sondern seine Transparenz sichtbar gemacht, nicht die Weihnachtsbaumkugel, sondern ihre Reflexionsfähigkeit. Die Photographie am Bauhaus ist sowohl die Dokumentation eines geschlossenen Kapitels der Photographiegeschichte als auch ein visuelles Tagebuch des bunten und verrückten Lebens damals, dort. (Kestner-Gesellschaft bis zum 2. November, Katalog 39 Mark) Astrid von Friesen

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Friedrich der Große“ (Große Orangerie des Schlosses Charlottenburg bis 2. 11., Katalog 25 DM)