Von Roger de Weck

Paris, im Oktober

Die Franzosen entdecken derzeit ein neues Phänomen bei den Deutschen. Wie soll man es nennen: Franzosenfeindlichkeit? Oder: Anti-Gallikanismus in Anlehnung an den Anti-Amerikanismus? Derlei Ausdrücke mögen zu scharf ausfallen, aber sie weisen in dieselbe Richtung.

Ein Teil der deutschen Öffentlichkeit ist jedenfalls derzeit auf Frankreich nicht gut zu sprechen. Und erstmals finden sich Politiker und Journalisten, die den Ressentiments unverblümt Ausdruck verleihen. Da ist die Rede von der "mörderischen Atompolitik" der Franzosen. Da spricht der saarländische Ministerpräsident Oskar Lafontaine vom Atomkraftwerk Cattenom als einer "Todeszentrale". Dem Spiegel erscheint Frankreich plötzlich als "gefährlicher Atomnachbar". Diese harschen Worte beunruhigen Frankreich. Le Monde sorgt sich, es werde ein "anti-französischer Chauvinismus" geschürt.

Cattenom ist freilich nur ein Auslöser. Jetzt entlädt sich lange aufgestauter Unmut. Vor allem die deutsche Linke findet in Frankreich keine Gleichgesinnten. Wie steht es aber um die deutsch-französische Freundschaft und die Achse Bonn-Paris, falls sich in der Bundesrepublik künftig nur noch die Konservativen dafür erwärmen sollten?

Die Grünen haben in Frankreich kaum Ansprechpartner, die Sozialdemokraten tun sich schwer mit ihren französischen Parteifreunden. In letzter Zeit schenkte man einander herzlich wenig. Die deutsche Linke hatte 1981 den Wahlsieg von François Mitterrand mitgefeiert, bald aber folgte eine herbe Enttäuschung nach der anderen.

Wo es um Frankreichs nationales Interesse ging, sah der sozialistische Präsident der Republik keine Veranlassung, auf die Empfindlichkeiten deutscher Sozialdemokraten Rücksicht zu nehmen. So riet er den Deutschen mit provokatorischer Schärfe zur Nachrüstung. Die Wunde ist noch nicht vernarbt, die Mitterrand der SPD mit seiner Bundestagsrede am 28. Januar 1983 zufügte. Mitten im Wahlkampf griff er damals Helmut Kohl mit seinem Plädoyer für die Nachrüstung unter die Arme. Später frohlockte der CDU-Chef, das habe ihm "drei Prozent mehr Stimmen" eingetragen.