Von Ulrich Schmidt

Die Weine haben edle Prädikate und die Orte ebenso: Frickenhausen etwa nennt sich stolz „Schönheitskönigin unter den Weindörfern“. Doch auch Ochsenfurt, Kitzingen und zahlreiche andere fränkische Dörfer rühmen sich eines malerischen Stadtbildes. Natürlich genauso ihrer köstlichen Weine: Schließlich sind diese daran schuld, daß im Herbst ein Fest das nächste jagt. Und damit die fränkische Weinkönigin auch einmal in Ruhe ein Gläschen schlotzen kann, hat nun jeder Ort seine eigene Weinprinzessin gekürt.

Bei ihr handelt es sich in den meisten Fällen um ein „hochfeines Spitzengewächs“ – wenn wir uns ausnahmsweise einmal der Winzerfachsprache bedienen dürfen – „mit viel Körper, Ausdruck und Spiel“. Zu den Aufgaben einer Prinzessin gehören das Tragen eines Krönleins, das Herumreichen eines eimergroßen Glases Wein, das Rezitieren volksnaher Weinlyrik und das Animieren zu Landser- und Schunkelliedern.

Und sie schunkeln dicht an dicht in den Kellergewölben der Weingüter. Mit Bussen, Autos und Fahrrädern sind sie angereist. Besonders zahlreich in diesen Wochen, in denen neben dem ausgereiften Wein auch noch der ganz junge „Federweiße“ ausgeschenkt wird, der Viertelliter-Schoppen zu 2,50 Mark. Dazu gibt es Käsespeise oder Zwiebelkuchen für 2,80 Mark.

In den Hotels, Gasthöfen und Pensionen sind kaum noch Betten zu haben. Auf den Fahrradwegen am Mainufer entlang kommt es an den Wochenenden – ein Novum in der Geschichte des deutschen Straßenverkehrs – zu Staus von einigen hundert Metern Länge. Und wer wegen der Weinlese gekommen ist: Gerade im Oktober haben die Winzer anderes im Kopf als das Wohl ihrer Pensionsgäste. Aber so wie der Weinfreund nur Wein aus Holzfässern kauft und in Flaschen mit Korkverschluß nach Hause trägt, so besteht der Frankenland-Fahrer darauf, allen Nachteilen zum Trotz seine Weindörfertour im Oktober zu beginnen.

Da kann man ihm nur raten, die Staus auf den Hauptstraßen zu meiden und weniger überlaufene Orte aufzusuchen. Nehmen wir Röttingen. Das liegt zwar auch an einer Touristenpiste, nämlich an der Romantischen Straße. Doch vor allem liegt es an der Tauber, der „anmutigsten Tochter des Mains“, zu Füßen eines Südhangs namens „Feuerstein“, nach dem auch der dort wachsende Wein benannt ist. Röttingen renommiert nicht mit Fachwerkhäusern oder wehrhaften Mauern und Türmen. Die Burg am Berghang ragt kaum über die Dächer des Ortes hinaus. Obwohl bereits im Jahr 1275 erwähnt, wirkt das Städtchen, es hat rund 1300 Einwohner, jünger als viele andere auf Karten rot markierte Städte, Geradezu avantgardistisch machen sich die blaue Sternchen-Fahne vor dem Rathaus und das Wort „Europastadt“ auf dem weinfaßrunden Willkommensschild aus. Vor mehr als dreißig Jahren haben vorausschauende Bürger die Partnerstadt-Idee entwickelt und Röttingen zur ersten Europastadt des Kontinents gemacht.

Der Schlosser- und Tüftlermeister Kurt Fuchslocher hat Röttingen noch zu einem weiteren Titel verholfen: „Stadt der Sonnenuhren“. Auf einem Rundweg um den Ort, bei dem es sich laut Fuchslocher „trefflich meditieren läßt über den richtigen Umgang mit der Zeit“, sind 16 Sonnenuhren verteilt, einfache, historische und raffiniert moderne. Die verrückteste von allen läßt das Frankenlied ertönen, sobald der Sonnenstrahl auf die Mittagslinie des Zifferblattes trifft.