Von Carl Friedrich von Weizsäcker

Tschernobyl war nicht der Name der Katastrophe unserer Tage, Reykjavik könnte der Name der Katastrophe werden, des katastrophalen Wendepunktes.

Die Angst vor der Atomenergie ist nach meinem subjektiven Urteil das Traumsymbol der wahren, verdrängten Angst vor dem Atomkrieg. Die Atomwaffe aber ist das Weckersignal: Wacht auf zu der Erkenntnis, daß die Institution des Krieges überwunden werden muß. Dies wiederum kann nur politisch, nicht permanent durch technische Entwicklungen geschehen; denn alle Techniken veralten, keine Technik ist voll zuverlässig, und jede neue Technik erschüttert die scheinbar erreichte Stabilität aufs neue. Die totale nukleare Abrüstung hatte von vornherein, als isolierte Maßnahme verstanden, kaum eine Chance: Wer die Komplikationen der Inspektion, der Rückwirkungen auf die verbleibende strategische Situation, der Verhandlungsführung kennt, der weiß das.

Das Scheitern war zu erwarten

Die Abrüstungsinitiative hätte einen politischen Sinn gehabt. Das welthistorisch erstmalige Ereignis einer realen, wenngleich noch begrenzten Abrüstung zwischen zwei Kandidaten für die Welthegemonie hätte bewiesen, daß sie das Bekenntnis zu ihrer friedlichen Koexistenz nicht nur im Munde führen, sondern in Taten umzusetzen bereit sind. Es hätte eine Ära politischer Konfliktlösungen einleiten sollen. Dies wäre ein bescheidener, aber wichtiger Schritt zur politischen Sicherung des Friedens gewesen. Der Vorschlag, auf die spektakuläre Einzelidee der nuklearen Abrüstung gestützt, ist an der spektakulären Einzelidee der Weltraumverteidigung gescheitert.

Das Scheitern dieses Anlaufs war zu erwarten. Es ist darum nicht weniger katastrophal. Es legt die wahre weltpolitische Situation bloß. Die Chance liegt höchstens im Schock dieser Situation.

Das Scheitern war zu erwarten. Echte, freiwillige Abrüstung entscheidender Waffensysteme zwischen zwei gegnerischen Großmächten hat es, soweit ich die Weltgeschichte kenne, noch nie gegeben. Der Kampf um die Weltmacht – so groß eben die bekannte „Welt“ jeweils war – ist eine uralte Figur der Menschheitsgeschichte. Er war im Prinzip zwischen Medien und Babylon, zwischen Rom und Karthago nicht anders programmiert als heute zwischen Amerika und Rußland. Heute, durch die moderne Technik, sehen wir deutlicher seine katastrophalen Folgen. Dies könnte uns veranlassen, auch seine wahren Ursachen deutlicher zu sehen.