Peter Case“ „Peter Case“

Die patriotische Pose des Anwalts der kleinen Leute im ländlichen Amerika, sagt Peter Case, sei ihm fremd: Dies seien Lieder über Sünde und Erlösung. Beispielsweise „Small Town Spree“, wo Case in vier Minuten eine atmosphärisch wunderbare dichte Mini-Saga über Killer auf der Flucht entwirft. Als Handwerkszeug genügen ihm notfalls Harmonika und akustische Gitarre, und demonstrativ bekundet Case seine Verachtung für das, was heute unter dem Begriff Rockmusik gehandelt wird, indem er auf Folklore-Klassiker („Pair of Brown Eyes“), Country-Elemente („Horse & Crow“), vor allem aber auf Folk Blues-Traditionen zurückgreift. Die Stimme erinnert mehr als einmal an den John Lennon der Plastic Ono Band-Tage. Eines der gelungensten Beispiele für die Stil-Synthesen, die Case und sein Produzent T-Bone Burnett hier fanden, ist der Song „Old Blue Car“. Schade nur, daß ausgerechnet in diesem Fall die Songtexte nicht abgedruckt wurden. Denn manche der (auto)biographischen Anspielungen hier sind als poetische Kürzel so verklausuliert, daß man sie zum besseren Verständnis doch nachlesen möchte. Ein erklärtermaßen anachronistisches, dabei aber das mit Abstand bemerkenswerteste Solo-Debüt des Jahres. (Geffen Records 924 105-1) Franz Schöler

Red Roseland Cornpickers: Peer-Gynt-Suiten

Großes Tutti-Crescendo für drei Bläser und ein Banjo, die Dixyland-Band als Sinfonieorchester: Den „Cornpickers“ gerät das Elegisch-Romantische der Tondichtung notwendig ironisch; allein die inferiore Instrumentierung erbringt köstlichen Humor, um so mehr, als die Laien-Jazzer ihren musikalischen Text so ernst wie möglich nehmen. Wo es wirklich gefühlvoll – und also albern – zu werden droht, stellt ein kleines Zuviel den ironischen Ton wieder her. Wo dann die Improvisation einsetzt über die klassischen Originale, wird’s allerdings etwas dünner: Das ist guter konventioneller Dixyland von Amateuren, witzig arrangiert, aber nicht mehr. Freilich, so unbefangene Musizierfreude mit einem Schuß laxer Verspieltheit hört man bei Profis selten. „Anitra’s Dance“, ein Walzer im saloppen Vierviertel, schlingert triolisch-synkopisch daher; „Aases Tod“ mit Saxophon, Posaune und Großer Trommel, gerät zum schlenkrigen Trauermarsch mit weichen Knien. Die „Cornpickers“ verjazzen also E-Musik, ohne sie zu verwursten; sie wahren sozusagen deren Würde, indem sie nur herauskitzeln, was ohnehin an Komik darinsteckt. (Seydenfaden LC 7067).

Martin Ahrends

Alexander Glasunow: „Die Symphonien 1-8“

Als der hochtalentierte Gymnasiast im Alter von sechzehn Jahren seinem Lehrer Rimskij-Korsakow die erste veritable Sinfonie vorlegte, konnte der nur noch Bewunderung zeigen – seitdem gilt Alexander Glasunow „zweifellos als der bedeutendste neuere russische Komponist“ (Riemann): ein Autodidakt, der in der Weiterführung des nationalen Idioms der Glinka und Borodin eine Synthese zwischen slawischer Eigenart (Folklore) und deutscher Tradition (Klassik und Romantik) herbeiführte. Nach dem jähen Aufbruch seines Erstlingswerks (1882) folgten bis knapp über die Jahrhundertwende (1904) sieben weitere Sinfonien, mit denen Glasunow Aufsehen erregte. Nach der verunglückten ersten Gesamteinspielung mit dem Großen Rundfunk-Sinfonieorchester der UdSSR und dem Dirigenten Wladimir Fedosejew (sie war künstlerisch unzulänglich, technisch schlecht und fiel unseligerweise zusammen mit dem Klassik-Ausverkauf der Münchener Vertragsfirma, die nun einen neuen Anlauf nimmt) kann die Neu-Edition mit dem Staatlichen Sinfonieorchester des Kultusministeriums der UdSSR unter Gennadij Roshdestwenskij in allen Belangen als vorbildlich und begrüßenswerte Rehabilitation eines „Fin de siecle“-Genies angesehen werden. (Melodia-eurodisc 302 631-450) Peter Fuhrmann