Von Willi Winkler

Nein, so schlimm wie in manchen Bundesstaaten der USA ist es noch nicht. Dort schrecken Elternbeiräte manchmal nicht davor zurück, das, was ihnen als Schmutz und Schund und als gefährlich für die sittliche Reifung ihrer Sprößlinge vorkommt, öffentlich zu verbrennen. Hemingway, Philip Roth, Bernard Malamud, Richard Brautigan, Joseph Heller gelten immer wieder als Pornographen, weil ihnen gelegentlich ein Kraftausdruck ins Konzept paßt. Aus anderen, hierzulande eher verständlichen Gründen, mußte Shakespeares "Kaufmann von Venedig" dem Zugriff leseeifriger Schüler entzogen werden.

Nein, soweit ist es bei uns noch nicht. Jeder kann in die nächste Buchhandlung gehen und die Bücher der genannten Autoren erwerben; die Stadtbüchereien führen sie ebenfalls, denn wir sind ein liberales Land.

Wir sind so liberal, daß es schon gar keinen Spaß mehr macht, heute noch modern zu sein. Die großen Kämpfe der Vergangenheit sind ausgefochten, kein Hundhammer empört sich mehr über ein gewagtes Ballett, kein Innenminister beschimpft Bert Brecht als Horst Wessel. Im Gegenteil: Heiner Geißler wirft mit Brecht-Zitaten um sich, und der Bundeskanzler bemüht für seine Regierungserklärung den aufrechten Gang Ernst Blochs.

Wir haben, mancher wird’s bedauern, nicht einmal eine moralische Mehrheit, und der Fundamentalismus beschränkt sich darauf, alle vier Jahre die bayerischen Landtagswahlen zu gewinnen. Es herrscht also Ruhe im Land. Obwohl – manchen ist diese Ruhe unheimlich. Sie können sich nicht damit abfinden, daß sich das Publikum bei Genets "Zofen" nicht mehr empört oder daß Buñuel/Dalís "Un chien andalou" kein öffentliches Ärgernis mehr erregt, und erregen deshalb gleich selber welches.

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft ordnete das Amtsgericht Darmstadt am 26. Februar die Durchsuchung der Geschäftsräume der Deutschen Buchgemeinschaft sowie die Beschlagnahme der Unterlagen an und ließ schnell noch die vorrätigen Exemplare von Henry Millers "Opus Pistorum" konfiszieren. Gleichzeitig wurde ein Ermittlungsverfahren gegen die Druckerei eingeleitet und die allgemeine Beschlagnahmung des Buches angeordnet.

Am 12. März wurde die Justiz noch deutlicher: Sie setzte bundesweit mindestens siebenhundert Polizisten ein, um sämtliche 285 Läden des Bertelsmann-Buchclubs durchsuchen zu lassen. Wieder galt die zweifellos steuergeldintensive Aktion jenem "Opus Pistorum", das "von finanziellen Erwartungen seines Verfassers und nicht von künstlerischem Ausdrucksbemühen geprägt ist", wie das Amtsgericht mittels einer diakritischen Analyse des Klappentextes und des Epilogs erkannt hatte.