Von Christian Hacke

Herbert von Borch gehört zu den großen Amerika-Kennern. Seine beiden Bücher "Die unfertige Gesellschaft" von 1960 und "Amerika – Dekadenz und Größe" von 1981 sowie seine Korrespondentenberichte aus den USA über ein Vierteljanrhundert von 1956 bis 1980 bieten hierfür mannigfaltige Belege. Als Schüler von Alfred Weber und Karl Jaspers wurde von Borch zum Anhänger eines liberalen und zum Kritiker des konservativen Amerika. Präsident Kennedy wurde für ihn zur Personifizierung und zur unerfüllten Hoffnung eines solchen, besseren Amerika. Dies zeigt sich auch in seinem Buch

Herbert von Borch: John F. Kennedy. Amerikas unerfüllte Hoffnung; Piper Verlag, München 1986; 170 S., 12,80 DM.

Mut, Intellektualität, ständige Todesnähe durch Erkrankung und ein daraus resultierendes, fast unersättliches Gusto zum Leben prägten Kennedys Leben und Charisma. Herbert von Borch neigt indessen dazu, Kennedy zu heroisieren; da wird manches einfach wegretuschiert. Ähnliches gilt für Kennedys Politik. Eine banale Rede vom 22. März 1962 wird bei von Borch zur Kennedy-Doktrin stilisiert.

Zu Recht gilt Kennedy als Urheber der Entspannung, aber es fehlt in diesem Buch der kritische Gesamtzusammenhang: Auch Kennedy war, wie seine Vorgänger, nicht bereit, der Sowjetunion militärische oder politische Gleichrangigkeit zuzugestehen. Deshalb war es eine détente americana, die Kennedy vom Podest der Überlegenheit herab verkündete und die für die Sowjets unannehmbar war. Erst Richard Nixon, der persönlich verkrampfter gewesen sein mag und der nicht mit solchem Charisma ausgestattet war wie Kennedy, zeigte politisch eine zusätzliche Dimension der Entspannung, die zu Zeiten Kennedys undenkbar war. Da hätte von Borch etwas abgewogener gewichten können.

Ebenso problematisch ist seine These, daß Kennedy "Vietnam verhindert hätte" (so eine Kapitel-Überschrift). Diese These bleibt Spekulation, die von Borch vergeblich zu untermauern versucht. Er unterschlägt dabei, daß Kennedys Vietnam-Politik, zunächst im Schatten von Laos, in dieselbe Richtung zeigte, in die seine Nachfolger dann gingen. Kennedy war fasziniert davon, die Nordvietnamesen und den Vietcong mit den Mitteln zu bekämpfen, die sie selbst anwandten –, mit Guerilla-Taktik. Überdies hätte Kennedy, wenn er als Präsident Süd-Vietnam aufgegeben hätte, riskieren müssen, bei den Präsidentschaftswahlen 1964 nicht wiedergewählt zu werden. Kennedys Glaube, daß auch in Vietnam die Freiheit verteidigt und vor allem das Prestige der USA auf dem Spiel stände, überwogen seine zum Teil privat geäußerten Zweifel über das amerikanische Engagement. Wenn von Borch Kennedy zitiert, er habe beschlossen, nach seiner Wiederwahl 1964 alle Militärberater aus Süd-Vietnam abzuziehen, müssen seine öffentlichen deutlichen Erklärungen dagegen gehalten werden, in denen er wiederholt betonte: "Wir sind hier nicht in Vietnam, um einen Krieg verlieren zu sehen."

Auch erscheint es zweifelhaft, ob Kennedy eine radikale Alternative hätte durchsetzen können, selbst, wenn er dies gewollt hätte. Letztlich überwog Kennedys Überzeugung, die kommunistische Herausforderung in Süd-Vietnam annehmen zu müssen. Seine Zweifel bleiben privat, instinktiv und sporadisch. Anders als von Borch meint, muß die Frage, ob Kennedy den Weg beschritten hätte, der von Johnson begangen wurde, unbeantwortet bleiben.

Ohne Zweifel waren Kennedys Haltung und Entscheidung während der Kuba-Krise im Oktober 1962 herausragende Leistungen. Damit wurden die Weichen gestellt für die Entwicklung der amerikanisch-sowjetischen. Beziehungen und der internationalen Politik der Nachkriegszeit.

Aber gerade hier sind kritische Anmerkungen, die bei von Borch fehlen, erforderlich. Kennedys Haltung rückte die außenpolitische Selbstsicherheit der Kennedy-Administration in die Nähe von Arroganz. Die politische, strategische und moralische Überlegenheit der USA schien nach der Kuba-Krise gerechtfertigt und bestätigt. Vom Oktober 1962 bis November 1963, bis zu Kennedys Tod, erreichten die USA ihren machtpolitischen Scheitelpunkt, einen Hauch von Überlegenheit und nationaler Geschlossenheit, der nie wiederkehren sollte. Aber das brillante und mutige Verhalten von Kennedy während der Kuba-Krise, das nur als Ausnahme hätte gewürdigt werden dürfen, weil es auf so anziehende Weise dem romantischen Ideal einer starken Präsidentschaft entsprach, wurde auf unzulässige Weise verallgemeinert. Die Krise wurde zwar exzellent gehandhabt, aber ihr Vermächtnis wurde eine imperiale Konzeption des Präsidentenamtes, das gerade in Vietnam schließlich die Vereinigten Staaten in den Morast führte. Auch diese Wirkung von Kennedy – selbst wenn sie ihm persönlich nicht anzulasten ist – muß heute berücksichtigt werden.

Insgesamt gesehen muß man festhalten, daß Kennedys politisches Erbe sehr viel ambivalenter ist, als von Borch es darstellt. Hier wäre mehr kritische Distanz erforderlich gewesen.

Kennedys tragischer Tod hat die Legendenbildung beschleunigt. Auch kam das Unvollendete seiner Politik der amerikanischen Erwartungsmentalität nicht entgegen, die sich mit dem tief verwurzelten Sendungsbewußtsein vermischte: Das amerikanische Sendungsbewußtsein schaffte den Boden für den Kennedy-Mythos, umgekehrt hat der Kennedy-Mythos das amerikanische Sendungsbewußtsein romantisiert und jung gehalten.

Was Kennedy als Person betrifft, so teile ich Herbert von Borchs Bewunderung für die Art und Weise von politischer Führung. John F. Kennedy gelang es, das Ideal der Freiheit attraktiv zu personifizieren. Er wurde zum Idol der bürgerlichen Demokratie, auch weil er gleichzeitig ihr herbster Kritiker war, indem er ihre soziale und moralischpolitische Erneuerung eindringlich forderte. Vor allem war er ein Mann, der aus Fehlern lernte und auch in Krisen persönliche Verantwortung übernahm. Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit seiner Außenpolitik wird wegen der Kürze seiner Regierungszeit auch weiterhin Hauptkritikpunkt bleiben. Aber gerade diese Lücke wird den Kennedy-Mythos immer wieder erneuern.