Von Jürgen Manthey

In einer der Geschichten des Bandes eröffnet ein Pfarrer (er ist etwas betrunken) einem Halbwüchsigen, daß er nicht mehr glauben könne. Es ist Weihnachtstag, und kurz danach hält er eine seiner ergreifendsten Predigten. Der Junge erklärt sich das so, daß nur ein Ungläubiger so schön predigen könne. „Der Pfarrer versuchte ja nur, seinen Verstand zu überschreien und auszuschalten. Das ist vielleicht die größte Kraftanstrengung und das Allerschönste, wozu ein Mensch in der Lage ist.“

Die Übertragbarkeit auf die Literatur liegt nahe und ist nahegelegt. Etwa: Je weniger Empfindungen ein Schriftsteller hat, desto besser wird er sie darstellen. Und siehe da, nichts ist schöner, „echter“ als dargestellte Gefühle (=Kunst). Die simulierten. Gefühle haben auf uns die größte Wirkung.

Die meisten Erzählungen des (1939 bei Rotterdam geborenen) J. M. A. Biesheuvel sind, was man nicht gleich erkennt, Abschnitte einer erzählten Poetologie, zudem moderne Fabeln, und sie haben den Ehrgeiz, das nicht merken zu lassen –

J. M. A. Biesheuvel: „Schrei aus dem Souter-Erzählungen, aus dem Niederländischen von Siegfried Mrozek, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Carel ter Haar; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1986 (es 1179); 182 S., 12,– DM.

Das darf man nicht so verstehen, als ginge die ungewöhnliche Lebendigkeit dieses Fabulierens auf den Ehrgeiz zurück, eine Lehre hinterrücks an den Mann zu bringen, oder als entspränge das Überraschungsmoment der Einfälle dem Vorsatz, eine Moral zu „verkaufen“; Die Geschichte als Geschichte ist immer zuerst da, Erzählfreude steht am Anfang (und am Ende), und es ist bloß, daß sich an einer Stelle eine Skurrilität einschleicht, eine Übertreibung, eine Melancholie, was auf einen Autor hinter diesen Begebenheiten aufmerksam macht, auf jemanden also, der von diesem bunten Allerlei getrennt – und dessen Urheber ist. Und der sich in das von ihm gemalte Bild eingefügt hat, mit Linien aber, die anders verlaufen als auf ein individuelles Porträt, auf das Selbstporträt des Schriftstellers Biesheuvel zu.

Woher kommt die Vorliebe arrivierter Schriftsteller, über gescheiterte oder Beinahe-Schriftsteller zu schreiben? Da gibt es sicherlich verschiedene Beweggründe. Stolz, Genugtuung, Beschwörung des Abstands, Bestätigung des Erreichten, Bannung des Befürchteten. Die glückliche, aber auch die melancholische Beschäftigung mit dem eigenen Glück des Ruhms und dem Unglück der verlorenen Unschuld (des Dilettantismus).